Interview mit Dietmar Schmidt zu seinem PR-Atlantis Band 6 „In der Methanhölle“

Dietmar Schmidt verrät im Interview mit Roman Schleifer unter anderem, wie diskriminierend der Titel den Maahks gegenüber ist und wie hilfreich sein Chemie-Studium für den Band war.

Dietmar, es wird sicher Leute geben, die den Titel »In der Methanhölle« diskriminierend finden. Immerhin wird damit der Lebensraum der Maahks als entsetzlich und als qualvoll etikettiert. War das Absicht oder waren hier alle Beteiligten (Autor, Redaktion etc) unsensibel?

Ganz klar machen wir nichts ohne Absicht (lacht).
Man darf aber – wenigstens wenn es sich um fiktive Wesen handelt – provokant sein. »Methanhölle« ist eine provokante Bezeichnung, fasst aber die Sicht der Arkoniden auf die Planeten der Maahks in einem Wort zusammen. Die alten Arkoniden waren ja nie als politisch besonders korrekt bekannt.
In dem Roman wird die maahksche Siedlungswelt Galkorrax geschildert, ein Planet mit dreifacher Erdschwerkraft, auf dem die Nachtseite manchmal unter 60 Grad Celsius abkühlt, man meist aber Temperaturen um die 90 Grad hat, und an dessen Oberfläche ein mehrfach höherer Atmosphärendruck als auf der Erde herrscht. Ein Mensch, der ohne geeigneten Schutz darauf ausgesetzt wird, hätte schon allein dadurch keine Überlebenschance, und dazu besteht die Atmosphäre auch noch aus Wasserstoff, Methan und Ammoniak, während es freien Sauerstoff überhaupt nicht gibt.
Aus menschlicher Sicht ist Galkorrax eine Hölle, kein Zweifel. Wasserstoff und Methan sind relativ harmlos, aber ersticken würde man an ihnen. Ammoniak dagegen ist ziemlich giftig. Die Maahks freilich sehen das anders. Sie atmen den Wasserstoff, den sie mit »Stickstoffradikalen« oxidieren, um Energie zu gewinnen. Wasserstoffatmung war lange rein spekulativ, man kennt aber seit einiger Zeit Tiefseebakterien, die genau das tun – und zwar bei ziemlich hohen Temperaturen. Jetzt brauchen wir in der realen Welt nur noch auf »Stickstoffradikale« zu stoßen, von denen man sich ernähren kann …
Was ich damit sagen will:
diese »Höllenwelt« ist fremd für uns, deshalb erscheinen uns auch die Wesen fremdartig, die auf ihnen leben, und ganz gewiss werden sie in vielerlei Hinsicht andere Anschauungen haben als wir.
In dem Roman erhält aber gerade die Sichtweise der Maahks, die von den Arkoniden abschätzig als »Methans« oder »Giftatmer« bezeichnet werden, ihren Raum. Maahks siedeln auf solchen »Höllenwelten«, und das nicht aus Not, sondern weil solche Welten für sie lebensfreundlich sind. Galkorrax ist für Maahks eine Welt voller Schönheit. In dem Roman beleuchten wir ein wenig, was den Maahks an solchen Planeten gefallen könnte.
Damit kommt man schnell zu der Frage: Wie sehen die Maahks die Arkoniden und im weiteren Sinn die Menschen? Wir sind für unseren Stoffwechsel auf Sauerstoff angewiesen, ein oxidierendes, korrosives Element, das in reiner Form oder unter hohem Druck Lunge und Zentrales Nervensystem des Menschen schädigt. In der Atemkette erzeugt Sauerstoff Radikale, die Erbgutschädigungen hervorrufen, welche unter anderem an Alterungsprozessen beteiligt sind. Wenn jemand Giftatmer ist, dann wir Menschen.

Die hilfreich war bei der ausgiebigen Schilderung von Galkorrax dein Studium der Chemie?

Die lange Antwort: Für einen Chemiker sind Begriffe wie Wasserstoff, Ammoniak und Methan mehr als nur Wörter. Man hat eine Vorstellung davon, was diese Gase sind und wie sie sich unter den Bedingungen eines Planeten wie Galkorrax verhalten würden. Ein Beispiel aus dem bekannten Universum haben wir dafür nicht: Wasserstoff-Ammoniak-Methan-Welten, wie wir sie kennen, sind Gasriesen wie Jupiter und Saturn. Maahkplaneten teilen mit solchen Welten die hohe Schwerkraft, haben aber eine steinige Oberfläche und sind nicht kalt, sondern warm. Planeten wie Galkorrax wären also heiße Supererden.
Eine Atmosphäre voller Wasserstoff, mit der man auf Galkorrax konfrontiert wäre, würde uns einige Probleme bereiten. Wasserstoff ist das kleinste vorstellbare Molekül, denn es besteht aus zwei Wasserstoffatomen, und das ist das kleinste und einfachste mögliche Atom. Solch ein kleines Molekül durchdringt viele Materialien, und zwar umso besser, je heißer es ist, selbst Stahl. Die Arkoniden haben natürlich Schutzanzüge, die gegenüber Wasserstoff völlig dicht sind.
Ich gebe aber zu, dass mir beinahe ein heftiger Patzer unterlaufen wäre, als arkonidische Druckanzüge undicht werden. Aus alter Gewohnheit wollte ich Sauerstoff ausströmen lassen. Das wäre aber Unsinn, weil der Außendruck höher ist. Vielmehr würde die Atmosphäre von Galkorrax in den Anzug einströmen und die Atemluft so lange verdünnen, bis sie zu wenig Sauerstoff enthält. Vielleicht würde sie den Anzug sogar zum Platzen bringen.
Aber da endet die Unterschiedlichkeit noch längst nicht. Auf Galkorrax hätte man es mit einer ganz anderen Zusammensetzung der chemischen Umwelt zu tun. Die Erdatmosphäre wirkt oxidierend, die Atmosphäre von Galkorrax durch ihren Wasserstoffgehalt reduzierend. Während auf der Erde die meisten Metallerze oxidisch oder sulfidisch sind, das Metall also an Sauerstoff oder Schwefel gebunden ist, hätte man auf Galkorrax eher Verbindungen mit Stickstoff oder Kohlenstoff; der vorkommende Sauerstoff wäre eher an Wasserstoff zu Wasser gebunden. Auf der Erde steht Wasser bei 90 Grad kurz vor dem Kochen, aber auf Galkorrax nicht, weil der große Atmosphärendruck den Siedepunkt erhöhen würde. Das basische Ammoniak, das die Maahks ausatmen, würde mit allen sauren Verbindungen Ammoniumsalze bilden, ähnlich wie das saure Kohlendioxid, das wir ausatmen, mit basischen Verbindungen Karbonate bildet, zum Beispiel Kalk in seinen verschiedenen Ausprägungen, zu denen auch Marmor gehört. Wir hätten auf Galkorrax daher eine ganze andere Mineralwelt.
Die kurze Antwort: Man könnte solch eine Welt sicherlich auch ohne einen Hintergrund als Chemiker entwerfen, aber geschadet hat er nicht.

Zurück zum Titel. Hölle lässt auf einen transzendenten Inhalt schließen. Wie viel Religion erwartet die Leser?

In dem Roman streifen wir das Alltagsleben der Maahks, nicht der üblichen Militärs und Geheimdienstmitarbeiter, sondern der Zivilisten. Wir begegnen in dem Roman Maahks, die einer Art Priesterkaste anzugehören scheinen, und Kristallwachstum beobachten. Wir erfahren zwar, dass die Mystik dabei nur einen geringen Stellenwert hat, aber auch, dass die Maahks durchaus einen Sinn für Ästhetik besitzen.

Dein Band endet wie schon einige davor mit einem Cliffhanger. Was sagst du Lesern, die so was hassen?

(Lacht.) Im darauffolgenden Band geht es ja weiter. Schlimmer finde ich es, wenn in der Erstauflage ein Viererblock mit einem Cliffhanger endet.

Stand der Cliffhanger im Expo?

Aber gewiss.

Findest du es gut, dass die meisten ATLANTIS-Bände mit einem Cliffhanger enden?

Ja. Das gibt doch Antrieb, dem nächsten Heft entgegenzufiebern.

Was waren deine ersten Gedanken, nachdem du das Expo gelesen hast?

Ich dachte in etwa: Hm, das ist aber eine Menge. In dem Roman gibt es drei Perspektiven: Perry Rhodan, Atlan und Quartam da Quertamagin, einen arkonidischen Wissenschaftler, der in völliger Finsternis aufwacht und keine Ahnung hat, was los ist.
Rhodan wiederum ist mit seinen Begleiterinnen auf der Flucht vor Atlan und den wenigen arkonidischen Soldaten auf dem Planeten Galkorrax. Alle legen in dem Roman weite Wege zurück, erleiden Rückschläge und haben letzten Endes jeder für sich Erfolg – nur um dann vor etwas ganz Unerwartetem zu stehen.

Welche der drei Hauptfiguren ist dir besonders gut gelungen und wieso?

Ganz ehrlich, das kann ich nicht sagen. Darüber sollten aber eigentlich auch die Leserinnen und Leser entscheiden und nicht der Autor.

Falls du nur einen hättest wählen müssen, für wen hättest du dich entschieden? Und wieso?

Für Quartam. Seine Handlungsebene hatte zwar den gewaltigen Nachteil, dass er fast die ganze Zeit allein vorgeht und Dialoge, die eine Szene flotter machen können, erst gegen Ende vorkommen, aber an ihm hat mir gefallen, dass er in einer völlig unklaren Situation beginnt und sich langsam hinaus arbeitet, mit seinem Verstand als einzigem Hilfsmittel. Dazu kommt noch eine mürrische, eigenbrötlerische Sicht auf die arkonidische Zivilisation. Er lehnt die sozialen Gegebenheiten als ungerecht ab und muss sich zugleich eingestehen, dass er zu den Profiteuren der Verhältnisse gehört. Für ihn folgt daraus eine besondere Verpflichtung zur Verantwortlichkeit. Noblesse oblige wird oft bemüht, aber selten gelebt. Für Personen, die dieses Prinzip leben, obwohl es auch anders ginge, habe ich höchsten Respekt.
Quartams Charakter hat aber auch seine dunklen Seiten: die arkonidische Dünkelhaftigkeit, zu der man im Großen Imperium erzogen wird und nur schwer abstreifen kann, und einen leichten Hang zu Verschwörungserzählungen.

Wie waren deine Gedanken, nachdem du »Ende« unters Manuskript geschrieben hast?

Die Antwort darauf findet sich im Interview mit Chris vom Warp-Cast. Hört doch mal rein.
https://warpcast.podigee.io/

Die anderen Autoren sind voll des Lobes über Ben. Wo kannst du ihn loben?

Ben hat uns Autoren sehr plastische Figuren geliefert und eine sehr gute Vorstellung gegeben, wie sie in einer gegebenen Situation reagieren würden, ohne dass man dazu zwanzig Seiten Datenblatt durchackern muss. Davor Hut ab.

Durch deine Arbeit bei den Miniserien kennst du viele Expokraten. Wo liegen Bens Stärken? Was hat er, was die anderen nicht haben?

Ich möchte da einen Aspekt hervorheben, der auf den ersten Blick vielleicht zweitrangig erscheint: seine Pünktlichkeit. Bisher habe ich es noch nicht erlebt, dass Exposés zu früh beim Autor waren. Im Gegenteil, ich habe einmal ein Exposé erhalten, als der Abgabetermin für den Roman schon verstrichen war. Vor allem aber habe ich in meinen fünf Jahren als Miniserienautor so viele Möglichkeiten miterlebt, wie Zeitpläne torpediert werden können (durch plötzliche Erkrankungen des Expokraten oder eine Pandemie), dass ich immer wieder staune, wie diese Miniserien und vor allem die Hauptserie und NEO stets streng nach Plan erscheinen können.

Falls mich mein Gedächtnis nicht trügt, ist es dein erstes Mal mit Atlan. Wie war die Figur für dich?

Ich habe mich spontan entschieden, die Atlan-Passagen aus der Ich-Perspektive zu schildern, und gebe offen zu, dass ich geschluckt habe, als ich zum ersten Mal Bericht Atlan getippt hatte. Da kamen Jugenderinnerungen auf. K. H. Scheers Atlan-Erzählungen gehörten für mich zu den absoluten Höhepunkten der frühen Serie, und ich hatte ein mulmiges Gefühl dabei, in solch große Fußstapfen zu treten. Aber mir hat jede einzelne Szene mit Atlan Spaß gemacht. Man muss sich dabei ein wenig zusammenreißen, denn er ist noch nicht der Atlan, den wir kennen und der hinter den Materiequellen gewesen ist. Er ist nicht einmal der erfahrene Schlachtenlenker, als der er in Band 60 in die Serie eingeführt wurde. Er kommandiert nur ein Geschwader. Er kann also nicht die überlegene Perspektive haben, die wir von Atlan gewöhnt sind. Er ist zwar schon mit dem Kosmischen in Berührung gekommen, denn »Der Held von Arkon« liegt hinter ihm, aber er hatte noch keinen Kontakt zu ES. Er hat weder Zellaktivator noch Konverterkanone erhalten, und er muss deshalb etwas engstirniger gezeichnet werden als in der Hauptserie. Die Toleranz, die er später besitzt, fehlt ihm noch. Deshalb nennt er die Maahks »Methanatmer« oder »Methans« und ist ihnen gegenüber sehr skeptisch. Im Laufe des Romans zeigt sich aber, dass er seine Vorurteile infrage stellt, und er sieht sich gezwungen, gegen Prinzipien zu verstoßen. Damit löst er sich auch ein Stück weit aus dem Einfluss seines Mentors Tarts da Rhegant, dem Kommandanten seines Flaggschiffs, der in dieser Miniserie endlich einen Nachnamen erhält.

Und wie ist sie für den Autor als Figur im Vergleich zu Rhodan?

Ich finde, das ist schwer zu vergleichen. Im Gegensatz zu Atlan haben wir es mit dem Rhodan der »Jetztzeit« zu tun, also der Gegenwart in der Erstauflage, der jahrtausendelang Einsichten gesammelt hat. Atlan hingegen ist der Atlan fast zu Beginn seiner Entwicklung. Klar, er ist kein junger Bursche mehr und hat schon einiges hinter sich – er hat immerhin einen arkonidischen Imperator gestürzt –, aber er hat noch nicht die Erfahrung als Flottenkommandeur erlangt, die das Pfund war, mit dem er im Zyklus »Atlan und Arkon« wucherte.

Die Kobaltblaue Walze, die am Ende auftaucht, bezeichnet Geektor als Erbauer des Talagons. Ich bin verwirrt: Seid wann haben die KK solche Lebensvernichtungswaffen? Treffen wir in der Walze gar auf einen Chaotarchendiener?

Mir fällt auf, dass du immer wieder auf die Cliffhanger zurückkommst, aber du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich solche Fragen beantworte? Aber Geektor wird so eine Aussage nicht grundlos treffen. Er muss einen logischen Grund haben, denn er ist ein Maahk. Wir müssen uns wohl gedulden, bis Band 7 erscheint.

Dietmar, danke für deine Zeit.

Hier gehts zum ebook, lese- und Hörprobe:
https://perry-rhodan.net/shop/item/9783845351667/atlantis-6-in-der-methanholle-von-dietmar-schmidt-e-book-epub

Hier zum Heft:
https://perry-rhodan.net/shop/item/9999900007725/atlantis-6-in-der-methanholle-von-dietmar-schmidt-heft
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Autoren-Seite von Dietmar Schmidt auf der PR-HP
https://perry-rhodan.net/infothek/team/aktive-autoren/dietmar-schmidt

Autoren-Seite von Dietmar Schmidt auf der Perrypedia
https://www.perrypedia.de/wiki/Dietmar_Schmidt

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