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Interview mit Andreas Eschbach zu seinem neuen Buch »NSA« und zum 2019 erscheinenden RHODAN-Buch

Am 28. September erscheint das neue Buch von Bestseller-Autor Andreas Eschbach mit dem Titel »NSA«.
Wer nun an die amerikanische Überwachungsbehörde denkt, irrt.
Andreas Eschbachs Roman spielt in einer Alternativwelt, in der Komputer und das Weltnetz (aka Internet) bereits Anfang des 20. Jahrhunderts präsent sind. Zusätzlich verbreitet sich auch das tragbare Telephon und bildet mit den Gemeinschaftsmedien (aka soziale Medien) ein wesentliches Hilfsmittel für den Aufstieg der NSDAP in Deutschland.

Was wäre also, wenn es im Dritten Reich schon Computer gegeben hätte, das Internet, E-Mails, Mobiltelefone und sozialen Medien – und damit die totale Überwachung?
Und wie reagieren die Menschen innerhalb dieses Systems?

Ein paar Tage vor Erstveröffentlichung von »NSA« stellt sich der sympathische Deutsche mit Wohnort Bretagne einigen Fragen zu der Handlung des Buches.

Roman Schleifer: Andreas, wie ist es zur Idee zu dem Buch gekommen?

Andreas Eschbach: Als ich mal juxhalber „National Security Agency“ ins Deutsche übersetzt habe. Bei den Worten „Nationales Sicherheit-Amt“ hatte ich sofort eine Behörde in der Weimarer Republik vor dem inneren Auge, die in einem kolossalen Gebäude residiert, in Büros voller schwerer, dunkler Eichenmöbel. Von da aus war’s dann nicht mehr weit zu einer Art Nazi-Steampunk-Variante mit Computern … nein, Komputern in Holzgehäusen, mit Bakelit-Tastaturen, Anschlüssen aus massivem Messing und stoffumwickelten Kabeln.

Roman: Jetzt hättest du das Buch auch in der Gegenwart spielen lassen können. Wieso hast du dich für das Dritte Reich entschieden?

Andreas: Nun, es geht, wie man sich denken kann, um Überwachung. Und dazu haben wir uns in der Gegenwart eine ziemlich relaxte Haltung angewöhnt: »Die überwachen mich? Na, sollen sie doch; ich hab nichts zu verbergen.« Das ist so ungefähr die allgemeine Einstellung, an der auch die dramatischen Enthüllungen eines Edward Snowden nichts haben ändern können. Wenn man darüber diskutiert, scheint das Schlimmste, was einem passieren kann, zu sein, dass man Werbung ausgesetzt wird, die genau auf die eigenen Bedürfnisse abgestimmt ist.

Aber das ist eben nicht das Schlimmstmögliche. Das Schlimmstmögliche wäre, wenn unsere gesamte heutige Informationstechnologie wieder in die Hände einer Regierung fiele, die ähnlich diktatorisch drauf ist wie die Nazis es damals waren. Dann könnte und würde nämlich alles, was du je, und sei es vor Jahren, irgendwo gepostet, geschrieben oder bestellt hast, gegen dich verwendet werden – die Daten verschwinden ja nicht.

Und anstatt mir jetzt irgendwelche neuen Nazis in der nahen Zukunft auszudenken, habe ich die Originale genommen und ihnen Komputer und das Weltnetz angedichtet.

Roman:  Ja, so etwas spart dem Autor Zeit. J
Heldin des Romans ist Helene, die gegen das Regime und ihren Vorgesetzten kämpft. Erzähl uns über sie und ihre Beweggründe.

Andreas: Anfangs tut sie das noch nicht, sondern ist eine brave Mitläuferin, die das System so nimmt, wie es eben ist. Die Anfänge des Dritten Reichs erlebt sie als Gymnasiastin, muss wie alle dem Bund Deutscher Mädel beitreten, und weil sie sich in Haushaltslehre zu ungeschickt anstellt und keine Lust hat, Krankenpflege zu lernen, wählt sie das einzige noch verbleibende Schulfach für Mädchen, nämlich das Programmieren …

Roman: Und Programmieren ist in deinem Buch ja Frauensache. Wie bist du denn auf diese Idee gekommen?

Andreas: Das war tatsächlich die ursprüngliche Arbeitsteilung, was Informationsverarbeitung anbelangt. In meinem Roman postuliere ich ja, dass Mitte des 19. Jahrhunderts Charles Babbage mit seinem Vorhaben, eine programmierbare mechanische Rechenmaschine zu bauen, die »Analytical Engine« nämlich, Erfolg gehabt hat, was den Lauf der Wissenschaftsgeschichte natürlich grundlegend beeinflusst. Und Babbages Partnerin in diesem Unternehmen war bekanntlich die Mathematikerin Ada Lovelace, die sich während des Baus schon Gedanken gemacht hat, wie man eine solche Maschine programmieren würde, und im Prinzip hat sie die meisten der heute üblichen Prinzipien – Verzweigungen, Bedingungen, Schleifen, Rekursionen und so weiter – schon vorweggenommen. Es ist also durchaus vorstellbar, dass sich die Ansicht, dass »Programme zu stricken« Frauensache ist, durchgesetzt hätte.

Roman: Und wie bist du auf die Figur Eugen Lettke gekommen? Das ist ja mal ein richtiger Kotzbrocken.

Andreas: Da habe ich eine Vorstellung ausgelebt, die mich nicht loslässt, seit es üblich geworden ist, alles Mögliche in die »Cloud« hochzuladen. Tatsächlich ist eine »Cloud« ja immer ein Rechner, der einfach jemand anderem gehört. Und da liegen dann deine Daten, dein Tagebuch vielleicht, deine privaten Fotos … Diese Dienste behaupten zwar, dass alles verschlüsselt und gesichert und so weiter ist, aber woher wissen wir denn, dass das stimmt? Was, wenn die »Cloud« von einem Admin betreut wird, der das Passwort kennt und sich nächtens die Zeit damit vertreibt, durch dein Privatleben zu schnüffeln?

Roman: Du, ich bin gleich wieder bei dir, ich muss mal kurz ein paar Daten löschen …

Wie hast du für dieses Buch recherchiert? Du lässt zum Beispiel das Tagebuch der Anne Frank gleich zu Beginn in den Roman einfließen.

Andreas: Ich hab mich einfach in meine Zeitmaschine gesetzt und … Nein, Quatsch, ich hab mich durch schätzungsweise zwei Meter Bücher übers Dritte Reich gelesen. An Material mangelt es ja nicht. Und der Computerkenner wird erraten, was sich hinter der »Strukturierten Abfrage-Sprache« verbirgt …

Roman: Wie reizvoll war es, bei dem Buch die Geschichte neu zu schreiben?

Andreas: Einerseits sehr reizvoll, weil ich mir ja immer überlegen musste, wie sich eine Änderung, die ich anbringe, mit der übrigen Welt und Geschichte vertragen würde – andererseits war es aber auch sehr bedrückend, sich in diese Zeit hineinzudenken.

Roman: Manchmal beschleicht mich bei deinen Büchern das Gefühl, dass du Kritik an der Gegenwart äußerst. Stimmt der Eindruck?

Andreas: So? Beschleicht dich dieses Gefühl? Warm, ganz warm!

Roman: Möchtest du mit deinen Romanen (z.B. »Ausgebrannt, »Herr aller Dinge«) die Leser ins Denken über zukünftige Entwicklungen bringen?

Andreas: Sagen wir lieber: Indem ich diese Romane schreibe, denke ich selber über bestimmte Dinge nach, und dadurch, dass ein Roman eine gewisse Geschlossenheit verlangt, bin ich gezwungen, tief in die jeweilige Thematik einzudringen und sie mir auf irgendeine Weise klar zu machen. Der fertige Roman ist dann gewissermaßen eine Einladung an die Leser, mir auf diesen Überlegungen zu folgen, und mein Eindruck ist, dass das viele gern tun.

Roman: Das kann ich für mich bestätigen. Zurück zur Überwachung durch die NSA. Wie stehst du als ehemaliger Programmierer zu den vielen Möglichkeiten der Überwachung?

Andreas: Als jemand, der schon »Big Data« gemacht hat, noch ehe es den Begriff gab, sehe ich unglücklicherweise noch viel mehr Möglichkeiten der Überwachung und Kontrolle, als ich sie in diesem Buch hätte unterbringen können. Man könnte Albträume kriegen.

Roman: Sollten wir uns dagegen wehren?

Andreas: Ja, aber nicht, wie es manche versuchen, auf technische Weise – durch Verschlüsselungssoftware, Onion-Routing und dergleichen –, denn im Ernstfall nützt einem das auch nichts. Wenn eine, sagen wir, »böse Regierung« die Daten übernimmt, dann macht dich eben die Tatsache, dass du solche Maßnahmen verwendest, verdächtig – oder auch nur, dass von dir keine Daten existieren! Wenn, dann muss die Gegenwehr auf gesellschaftlicher Basis erfolgen, oder einfach gesagt: Wir müssen als Gesellschaft aufhören, derartige Überwachung zu akzeptieren.

Roman: Du veröffentlichst jedes Jahr ein neues Buch – wie wählst du die Themen aus?

Andreas: Ich wähle eigentlich nicht Themen aus, sondern Ideen. Immer, wenn’s darum geht, was ich als Nächstes schreibe, schwanke ich zwischen einem halben Dutzend Ideen und nerve meine Frau mit ewigen Diskussionen, ob diese oder jene Idee die bessere ist … bis irgendwann, auf magische Weise, Klarheit eintritt und die Arbeit losgehen kann.

Roman: Für »NSA« begibst du dich auf Lesereise. Wo können wir dich live erleben?

Andreas: Am 4.10. in Hamburg, am 5.10. in Hannover, am 8.10. in Ulm und am 9.10. in Erfurt. Danach geht’s nach Frankfurt auf die Buchmesse.

Roman: Wie ist dein Verhältnis zu den Lesern?

Andreas: Ganz gut, würde ich sagen. Sie legen immer alle zusammen, damit ich ihnen das nächste Buch schreiben kann – was könnte sich ein Autor Besseres wünschen?

Roman: Sozusagen Crowdfunding 😉
Im Internet gibt es auch Leserunden, die du begleitest. Erzielst du jene Wirkung bei den Lesern, die du beabsichtigt hast? Gibt es Szenen, an denen die Leser anders reagieren, als es deine Absicht war?

Andreas: Es geht mir beim Schreiben eigentlich nicht darum, eine bestimmte Wirkung zu erzielen, sondern darum, der Grundidee des Romans gerecht zu werden. Man könnte sagen, das, was ich schreibe, muss zuallererst mal auf mich wirken, und zwar richtig. Idealerweise wirkt der Text dann auf andere genauso – aber im wahren Leben kommt es natürlich immer mal zu Abweichungen. Aber im Großen und Ganzen waren bisher alle, die den Roman gelesen haben, begeistert.

Roman: Kommen wir zu PERRY RHODAN und deinem RHODAN-Buch, das im Frühjahr 2019 im Verlag Fischer TOR erscheint. Mach uns neugierig drauf. Worum geht’s?

Andreas: Um das größte Abenteuer, das die Menschheit je unternommen hat. Und bei dem Perry Rhodan natürlich eine wichtige Rolle spielt, klar.

Roman: Na, so eine Überraschung: Perry Rhodan spielt mit. Welcher andere Unsterbliche noch?

Andreas: Homer G. Adams spielt auch eine nicht unwesentliche Rolle.

Roman: Und sicher gibst du Perry Rhodan auch einen oder mehrere Begleiter mit. Verrätst du uns etwas über sie?

Andreas: Hmm … lieber nicht. Das könnte den Spaß verderben.

Roman: Macht nichts, ich bin humorlos. 😉 Wird der RHODAN-Roman in die Handlung rund um Band 3000 eingebettet sein?

Andreas: Nein, aber er dockt durchaus an die Heftserie an, nur eben an einer anderen Stelle.

Roman: Ist der Roman auch etwas für Leser, die bislang von RHODAN nur den Namen kennen?

Andreas: Absolut. Ich hoffe sehr, dass auch meine Mutter ihn lesen wird.

Roman: Deine Mutter? Okay, bitte schreibe mir dann, wie es ihr gefallen hat.  😉
In einem Interview hast du gesagt, dass das Schreiben eines RHODAN-Heftromanes für dich eine Erholung ist. Wie war das bei dem Buch?

Andreas: Nun, es war aufregend, aber Erholung war es eher nicht. Immerhin habe ich bei diesem Roman erstmals die Schallgrenze von 1000 Manuskriptseiten durchbrochen – 1040 waren es zum Schluss. Das sind quasi 10 Heftromane auf einmal.

Roman: Wie eng hast du mit dem Expo-Team zusammengearbeitet?

Andreas: Das lief relativ locker. Ich habe ihnen vorher gesagt, was ich vorhabe; sie waren mit allem einverstanden, haben sogar noch ein paar Ideen beigesteuert, und dann haben sie mich machen lassen.

Roman: Zurück zu »NSA«. Hast du eine Lieblingsstelle?

Andreas: Ach, weißt du … meine Romane bestehen nur aus Lieblingsstellen. Alles andere streiche ich von vornherein weg! (Lacht)

Roman:  Guter schriftstellerischer Ansatz. J Warum sollte man dieses Buch gelesen haben?

Andreas: Weil man die Welt danach mit anderen Augen sehen wird. Es ist die »rote Pille«.

Roman: Also bei mir hat die rote Pille gewirkt. »NSA« ist ein Pflichtbuch. Wie bei all deinen Büchern konnte ich es nicht aus der Hand legen und habe mir eine Nacht um die Ohren geschlagen.

Andreas: Das ist immer das Ziel.

Roman: Hat hervorragend funktioniert. Welchem Thema widmest du dich in deinem nächsten Buch?

Andreas: Oh, wenn ich das schon wüsste, wär ich froh …!

Roman: Andreas, danke für deine Zeit.

Andreas: Ich danke für das Interview.

Roman: Wer es nicht mehr erwarten kann, empfehle ich die Leseprobe auf der Homepage von Andreas Eschbach:

http://www.andreaseschbach.de/werke/romane/nsa/lp_nsa/lp_nsa.html

 

Interview mit Bestseller-Autor Andreas Brandhorst geführt von Roman Schleifer

Anfang Oktober 2017 habe ich »Das Erwachen«, das aktuelle Buch von Andreas Brandhorst, gelesen. Er schildert darin die Entstehung einer Maschinenintelligenz und die Auswirkungen auf die Menschheit. Andreas hat mich mit seinem Buch nachdenklich gestimmt. So toll Computer und künstliche Intelligenz für unser Leben sind, die Gefahr, die entstehen kann (und vermutlich auch wird), sollte stärker ins Bewusstsein rücken. Vielleicht könnten wir dann das von Andreas beschriebene Szenario verhindern. In diese Kerbe schlug Anfang November auch Stephen Hawking, der auf der Web Summit 2017 vor genau der im Buch beschriebenen Entwicklung gewarnt hat.

Alles in allem Grund genug Andreas ein paar Fragen zu stellen – zum Buch und privat.

Roman: Seit Jahren bin ich ein Fan deiner Werke. Jedes Buch hat mich nachdenklich gemacht und beschäftigt. Darum freue ich mich, dass du dir die Zeit für ein Interview nimmst. Ich weiß, du arbeitest bereits an deinem nächsten Buch, einem neuen großen Thriller für den Piper Verlag, der im Herbst 2018 erscheint. Ich hoffe, das Interview reißt dich nicht aus dieser neu erschaffenen Welt.

Andreas: Es ist eine willkommene Abwechslung.

Roman: Sehr gut. »Das Erwachen« ist nach der ersten Erscheinungswoche in die Spiegel-Bestsellerliste eingestiegen – wie stolz bist du darauf?

Andreas: Immens stolz, denn die Konkurrenz ist groß, gerade im Oktober, wenn die Herbsttitel der Verlage erscheinen. Auf der Spiegel-Bestsellerliste zu stehen, bedeutet kommerziellen Erfolg, den sich natürlich jeder Autor wünscht, der von seinen geschriebenen Worten lebt.

Roman: Du hast für deine Bücher mehrere Auszeichnungen erhalten – wie stolz bist du auf diese Preise?

Andreas: Preise bedeuten Anerkennung, und Anerkennung schadet nie. Auch das Autorenego braucht die eine oder andere Streicheleinheit, dadurch schöpft man neue Kraft.

Roman: Seit dem Internet gibt es auch leichteren Zugang zu Rezensionen und Meinungen von anderen Leuten über gelesene Bücher. Wie wichtig sind diese Kritiken für dich?

Andreas: Konstruktive Kritik bringt einen weiter, denn man lernt nie aus. Jeder Autor sollte bereit sein, solche Kritik anzunehmen und sich selbst immer wieder infrage zu stellen. Dadurch bekommt man Gelegenheit sich zu verbessern. Was schlechte Kritiken betrifft …

Roman: Gutes Stichwort. Wie gehst du damit um?

Andreas: Mit schlechten Kritiken gehe ich leider schlecht um: Sie schmerzen, jede einzelne. Schon vor vielen Jahren habe ich versucht, mir in dieser Hinsicht ein dickes Fell wachsen zu lassen, aber es will nicht klappen. Schlechte Rezensionen tun noch immer weh, weil in meinem Romanen so viel Arbeit steckt, so viel Herzblut und Engagement. Ich weiß, ich weiß, als Autor sollte man sich die Rezensionen besser gar nicht ansehen, aber ich tu’s trotzdem immer wieder.

Roman: Wie wählst du die Themen für deine Bücher aus?

Andreas: Manchmal wählen sie mich aus. Ich laufe täglich mindestens eine Stunde, und manchmal passiert es, dass ich beim Laufen plötzlich eine Idee im Kopf habe, oder den Beginn einer Idee, eine Art zartes Pflänzchen mit Wurzeln im Unterbewusstsein. Nach Hause zurückgekehrt notiere ich diese Einfälle sofort, und manchmal wachsen sie dann weiter, bis sie zum Gerüst eines Romans werden.

Roman: Aus persönlichen Gesprächen mit dir weiß ich, dass dich dein Tod stört … verarbeitest du so etwas in deinen Büchern?

Andreas: Wen »stört« der Tod nicht? Wer möchte sterben? Man wird älter, man sammelt Wissen und Erfahrungen, man wird – hoffentlich – weiser, und dann, in einem Moment, verschwindet das alles. Was für eine kolossale Verschwendung! Und jedes Mal ist es ein individuelles Drama, eine persönliche Katastrophe, der niemand von uns entkommen kann. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht darüber nachdenke.

Roman: Besprichst du den Plot in der Erstellungsphase mit einem zweiten oder arbeitest du für dich selbst?

Andreas: Normalerweise arbeite ich dabei ganz allein. Gelegentlich halte ich Rücksprache mit dem Lektor im Verlag.

Roman: Hast du Testleser?

Andreas: Zwei. Der Verlagslektor liest Stück für Stück mit, während ich schreibe, und ebenso ein sehr aufmerksamer Redakteur, der manchmal einen strengen Finger auf wunde Stellen legt und sagt: »So geht das nicht.« J Die Zusammenarbeit mit diesem Redakteur, der auch die Endredaktion meiner Romane übernimmt und dabei sehr, sehr gründlich vorgeht, empfinde ich als außerordentlich fruchtbar. Das läuft wirklich sehr gut.

Roman: Wie oft gehst du über den fertigen Text? Gibt es einen Punkt, an dem du den Roman dann nicht mehr sehen kannst?

Andreas: Es kommt darauf an, wie zufrieden ich mit einem Roman bin, wie »rund« er sich anfühlt. Ich gehe den Text mehrmals durch, auch beim Schreiben, und jedes Mal wird etwas geändert. Nach dem fünften oder sechsten kompletten Lesen fehlt dann ein bisschen der Abstand, und man riskiert, noch vorhandene Fehler gar nicht mehr zu sehen. Aber dann gibt es zum Glück noch den Redakteur, und im Verlag Lektor und Korrektor. Und ja, irgendwann nervt es, einen bereits bekannten Text immer und immer wieder zu lesen, doch das gehört einfach dazu.

Roman: Musst du nach Abgabe eines Projekts abschalten oder beginnst du sofort mit dem nächsten?

Andreas: Es kommt vor, dass ich zwischen zwei Romanen ein wenig übersetze. Um nicht aus der Übung zu kommen, was das Übersetzen betrifft, und um in eine andere Art des Schreibens und eine andere Geschichte einzutauchen.

Roman: Hörst du Musik beim Schreiben?

Andreas: Ja, ich höre vorwiegend Heavy Metal, manchmal auch Techno oder Hardcore, je nach Stimmung. Auch klassische Musik kommt vor.

Roman: Es gibt ja eine Konzeptions- und eine Schreibphase, wie lange arbeitest du an so einem 700 Seiten Wälzer?

Andreas: An »Das Erwachen« habe ich über ein Jahr gearbeitet, die umfangreichen Recherchen mitgerechnet. Es war meine bisher aufwändigste Romanarbeit. Über ein Jahr lang habe ich an fast nichts anderes gedacht und bin ganz in der Arbeit aufgegangen. Was ich mir nur leisten kann, weil ich allein lebe. J

Roman: Du bist 1984 nach Italien ausgewandert und 2013, fast drei Jahrzehnte später, nach Deutschland zurückgekehrt. Schreibt es sich in Deutschland anders als in Italien?

Andreas: Nein, aber es lebt sich anders J Das Umfeld ist ein ganz anderes, es fühlt sich für mich nach dreißig Jahren in Italien auch ganz anders an, selbst jetzt noch, obwohl ich schon seit vier Jahren wieder in Deutschland bin. Wenn du mich fragst, was ich hier am meisten vermisse: das Meer, das in Italien nur etwas mehr als eine halbe Autostunde von meinem hauptsächlichen Wohnort entfernt war.

Roman: Mit den Bestsellern »Äon« und »Das Erwachen« hast du dich in der näheren Zukunft aufgehalten. Bei deinen anderen Werken hast du eigenständige Science Fiction Universen (Kantaki, Feuervögel, Omni etc) geschaffen, die mehrere tausend Jahre in der Zukunft angesiedelt sind. Was liegt dir mehr?

Andreas: »Äon« ist ein Mystery-Thriller mit starken fantastischen Elementen, »Das Erwachen« hingegen ein Gegenwartsroman, so wie ich ihn sehe, obwohl er einige Jahre in der Zukunft spielt. Mich fasziniert beides: die Arbeit an belletristischer Gegenwartsliteratur ebenso wie das Entwerfen von Universen als Bühne für farbenprächtige Space Operas. Ich weise bei Vorträgen und Lesungen immer wieder gern darauf hin: Die Science Fiction ist die größter aller Bühnen, und ich fühle mich auf ihr sehr wohl.

Roman: Ich vermute mal, dass in der Literatur über die nähere Zukunft mehr Geld zu verdienen ist. Warum dann dennoch mehr weit entfernte Zukunftswelten?

Andreas: Mit Thrillern und ganz allgemein mit Gegenwartsliteratur erreicht man eine viel größere Leserschaft, und das hat für den Autor den angenehmen Begleiteffekt, dass er dadurch mehr Geld verdient. Ein wichtiger Gesichtspunkt, wenn man als Autor vom Schreiben leben möchte. Allerdings bin ich in der glücklichen Lage, sagen zu können, dass sich auch meine Science-Fiction-Romane gut verkaufen. Ich bin also nicht gezwungen, aus finanziellen Gründen eine Wahl zu treffen. Ich kann beides schreiben: sowohl Science Fiction, die mich immer begeistert hat, als auch Gegenwartsliteratur.

Roman: Noch einmal zu den geschilderten Universen: In den meisten deiner Bücher ist die Menschheit nur mehr ein Schatten ihrer selbst, auf wenige tausend dezimiert und die Koordinaten der Erde ein Mysterium. Siehst du so schwarz für die Zukunft der Menschheit in der Zukunft?

Andreas: Mir gefällt das Bild von einer Menschheit, die nicht Krone der Schöpfung ist, nicht einmal eine wichtige Rolle auf der galaktischen Bühne spielt, sondern eher am Rand steht, bei den Kulissen. Und die Erde als Legende hat mich schon immer gereizt. In »Die Tiefe der Zeit« (1. März 2018 bei Piper, https://www.piper.de/buecher/die-tiefe-der-zeit-isbn-978-3-492-70427-4) greife ich darauf zurück; dort spielt die legendäre Erde eine ganz besondere Rolle.

Roman: Deine Bücher zeichnen sich durch gestrauchelte Helden aus, die mit einem Teil ihrer Vergangenheit hadern – was ist der Hintergrund dafür?

Andreas: Unser aller Lebensweg ist nicht immer schön glatt und gerade. Das Schwanken und Straucheln gehört dazu. Ich mag keine einfarbigen, eindimensionalen Figuren, und ich mag auch keine Schwarzweiß-Unterscheidungen von Gut und Böse. In der realen Welt gibt es zwischen Schwarz und Weiß viele Grautöne, und das spiegelt sich bei meinen Protagonisten wider.

Roman: Wie viel von dir steckt in den Helden deiner Bücher?

Andreas: Manchmal mehr, manchmal weniger. Der eine oder andere Gedanke, der mich beschäftigt, fließt auch in das Denken und Fühlen meiner Romanfiguren ein. Außerdem versetze ich mich immer in ihre Lage und frage mich ständig: Wie würdest du an ihrer Stelle handeln? Ich hoffe, das macht die Figuren lebendiger.

Roman: Haderst du auch mit Teilen deiner Vergangenheit?

Andreas: O ja. Wenn ich die Möglichkeit bekäme, Fehler in der Vergangenheit zu korrigieren, hätte ich ziemlich viel zu tun. Ich bin da sehr kritisch und streng mit mir selbst.

Roman: Der Bestseller »Das Erwachen« spielt in absehbarer Zukunft, in der eine Maschinenintelligenz entsteht. Wie bist du zu dem Thema gekommen?

Andreas: Das Thema lag und liegt in der Luft. Es ist brandaktuell. Wie du in der Einleitung schon geschrieben hast: Stephen Hawking hat seine Warnung aus dem Jahr 2014 gerade noch einmal erneuert und gesagt, das Aufkommen von künstlicher Intelligenz könnte zum schlimmsten Ereignis in der Menschheitsgeschichte werden. Ich dachte mir vor zwei Jahren beim täglichen Laufen: Was würde mit der Erde und mit uns Menschen passieren, wenn sich eine echte Maschinenintelligenz entwickelt? Und so war die Idee für »Das Erwachen« geboren.

Roman: Hast du dich vorher schon mit dem Thema beschäftigt … bist du ein Technikfreak?

Andreas: Computer haben mich schon immer fasziniert, seit Anfang/Mitte der 80er-Jahre des vorigen Jahrhunderts. Damals legte ich mir einen der ersten PCs zu, die es zu kaufen gab, einen Sirius 1, noch vor dem legendären IBM PC, mit zwei 5 ¼ Zoll großen Diskettenlaufwerken, ohne Festplatte und mit einem Arbeitsspeicher von 64 Kilobyte. Ja, Kilobyte. Fast zwanzigtausend D-Mark kostete das Ding damals zusammen mit einem Typenraddrucker von Diablo. Ich habe 35 Jahre Computerentwicklung miterlebt. Die in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten erzielten Fortschritte sind enorm, und in den kommenden 35 Jahren werden sie noch viel größer sein. Wir stehen, davon bin ich überzeugt, tatsächlich auf der Schwelle eines neuen Zeitalters. Darauf habe ich im Nachwort von »Das Erwachen« noch einmal hingewiesen. Wir stecken mitten in einer technischen Revolution, die unser aller Leben verändern wird.

Roman: Und wie bist du zu dem Helden Axel Krohn gekommen?

Andreas: Axel Krohn, einer der Protagonisten von »Das Erwachen«, fiel mir fast zeitgleich mit dem Roman selbst ein und gewann schnell an Konturen, als ich über die zu schreibende Geschichte nachdachte. Ich brauchte natürlich jemanden, der sich mit Computern und Computernetzen auskennt, und ich wollte dieser Figur eine bewegte Vergangenheit geben, die sich auch auf ihre Gegenwart und die Entwicklung des Romans auswirkt. So kam eins zum anderen.

Roman: Nach dem Erwachen der Maschinenintelligenz bleibt der Menschheit nicht mehr viel Zeit, um sich zu retten. Gib uns eine Kurzzusammenfassung der Situation.

Andreas: Wenn eine Maschinenintelligenz entsteht, wird sie innerhalb kürzester Zeit das gesamte Wissen der Menschheit aufnehmen, so wie es in zahlreichen Datenbanken überall auf der Welt gespeichert ist. Sie wird sich selbst optimieren, und dadurch kommt es zu einem Take-off, einer Intelligenzexplosion, die dazu führt, dass sie uns weit, weit überlegen ist. Wenn das geschieht, ist der sprichwörtliche Geist aus der Flasche, und kein noch so schlauer Trick wird ihn dorthin zurückbringen.

Roman: Warum sollte man »Das Erwachen« gelesen haben?

Andreas: Weil sich der Roman um ein Thema dreht, das uns alle angeht. Und weil er interessant und spannend ist, hoffe ich. J

Roman: Dem stimme ich zu. Das Erwachen ist ein toller Roman, der mich unterhalten hat und nachdenklich zurückgelassen hat. Die Frage ist wirklich, wie rasch uns diese Intelligenz von dem Planeten fegen wird. Hm.
Interessant fand ich auch das Nachwort, mit dem du »Das Erwachen« versehen hast. Was war der Grund?
Und auch gleich zwei Zusatzfragen: Brennt dir dieses Thema am Herz? Wie ist das mit den anderen Themen?

Andreas: Ich habe das Nachwort geschrieben, weil mir der Roman auch ein Anliegen war. Die Künstliche Intelligenz könnte tatsächlich, wie es Stephen Hawking kürzlich ausgedrückt hat, zum schlimmsten Ereignis in der Geschichte der menschlichen Zivilisation werden. KI bietet ungeheuer viele Möglichkeiten, wir könnten mit ihr viele Probleme unserer Welt lösen. Aber sie ist auch enorm gefährlich.
Zusätzlich interessiert mich der Mensch, seine Träume und Hoffnungen, seine Sehnsüchte und Konflikte. Mich interessiert, was den Menschen berührt, sein Herz und seine Seele, was ihn verzweifeln und glücklich sein lässt. Darum geht es mir immer, um den Menschen, auch wenn ich über Aliens schreibe. 🙂

Roman: Dein nächstes SF-Buch »Die Tiefe der Zeit« (https://www.piper.de/buecher/die-tiefe-der-zeit-isbn-978-3-492-70427-4) ist ja bereits angekündigt. Es entführt uns in eine ferne Zeit, in der die Menschheit mit einer außerirdischen Macht Krieg führt. Der ehemalige Soldat Jarl, dem Verrat und Mord gelegt wird, ist auf der Suche nach dem mythischen Ursprungsplaneten, der Erde. Dort sollen mächtige Waffen lagern, die den Krieg beenden soll, um endlich Frieden zu bringen. Doch er weiß nicht, dass er ein Werkzeug in einem größeren Plan ist …

So weit zur Ankündigung. Erzähl uns mehr von dem Buch, das im März 2018 erscheinen wird. Ich denke da an den Helden …

Andreas: Gerade über den Helden werde ich nichts verraten. J
Lasst euch von dem Buch überraschen – ich verspreche dem Leser eine waschechte Space Opera mit allem Drum und Dran. Das Umschlagbild, mit Vorder- und Rückseite, zeigt übrigens eine tatsächliche Szene aus dem Roman. Arndt Drechsler hat es nach einem von mir zur Verfügung gestellten Text gestaltet. So, und mehr zu dem Roman lasse ich nicht aus mir herausquetschen.

Roman: Spielverderber J . Sag uns wenigstens, warum man dieses Buch gelesen haben sollte?

Andreas: Weil es ein farbenprächtiges Science-Fiction-Abenteuer ist, dessen Handlung sich über Zeit und Raum erstreckt und mit vielen Überraschungen aufwartet. Ein Buch für die ganz große Leinwand und mit 8K-Auflösung.

Roman: Danke für deine Zeit und die ausführlichen Antworten.

Andreas: Ich danke für die interessanten Fragen.