Interview mit Christoph Dittert zu seinem SF-Roman „Fallender Stern“

Christoph Dittert, aka Christian Montillon, hat neben seiner Tätigkeit als RHODAN-Exponaut seinen ersten SF-Roman geschrieben. Im Interview mit Roman Schleifer erzählt er unter anderem, was ihn an Erstkontakten fasziniert und wie er die schlimmste Schreibblockade seines Lebens überwunden hat

Christoph, »Fallender Stern« ist dein erstes SF-Buch im Piper Verlag. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen?

Da müssen wir ein paar Jährchen zurückgehen, denn es ist ja nicht mein erster Roman im Piper-Verlag – »nur« mein erster SF-Roman, den ich außerdem alleine geschrieben habe. Vorher sind die drei Bände der »Splitterwelten«-Trilogie erschienen, an denen ich gemeinsam mit meinem Kollegen Michael Peinkofer gearbeitet habe. Da liegen meine Piper-Anfänge.

Michael und ich kennen uns schon ewig, und er hatte mich gefragt, ob ich nicht die Splitterwelten mit ihm weiterschreiben wolle. Da sagte ich: »Ja!« Nach der Trilogie habe ich schlicht und einfach bei Piper angefragt, wie es mit einem eigenen Roman wäre. Ich legte dann zwei Konzepte vor – Mini-Dateien von jeweils 2 oder 3 Seiten. Die Idee zum »Fallenden Stern« (der damals noch nicht so hieß) stieß sofort auf Begeisterung.

Leo Lukas hat gerade seinen ersten Krimi »Mörder Quoten« veröffentlicht (Interview dazu hier https://www.proc.org/interview-mit-leo-lukas-zu-seinem-krimi-moerderquoten/),Michelle Stern schreibt auch an einem Buch, MMT arbeitet 2021 an einem Fantasy-Schmöcker … Offenbar sind die RHODAN-Autoren nicht ausgelastet. Wie geht sich das zeitlich aus?

Wie das bei den Kollegen ist, kann ich nicht sagen – da müsstest du sie selbst fragen. Ich stelle mich von Anfang meiner schriftstellerischen Karriere an möglichst breit auf … habe stets außer RHODAN auch andere Sachen veröffentlicht, in den letzten Jahren vor allem »Die drei ???«. Dass der »Fallende Stern« nicht mal einfach so aus dem Ärmel geschüttelt worden ist, beschreibe ich ein wenig im Nachwort des Romans.

Apropos Nachwort: Du gestehst dort, dass du die schlimmste Schreibblockade deines Lebens hattest. Bezog sie die auf die Entwicklung des Plots oder aufs Schreiben an sich?

Die Entwicklung des Grundplots war keinerlei Problem – der stand schon mit dem ersten Mini-Konzept, das ich oben erwähnt habe. Ich wusste stets, wohin das Buch geht, wie die große Linie ist. Ich kannte auch das Ende, nur die Details nicht. Und beim Schreiben überraschten mich vor allem Chayne. Du hast den Roman gelesen und weißt, wie elementar diese Figur ist – ich hatte sie nicht geplant. Sie ist beim Schreiben entstanden und hat gewissermaßen ziemlich viel an sich gerissen, die Gute. Logischerweise ist alles, was mit ihr zu tun hat, dann erst beim Schreiben entstanden bzw. hat sich entwickelt.

Die Schreibblockade bezog sich tatsächlich aufs Schreiben an sich … also darauf, die Seiten mit Text zu füllen. Ich habe Tage und Wochen damit verbracht, am Tag ein paar Zeichen herauszuquetschen. Was da stand, gefiel mir, aber es quälte mich, es ging langsam, es beschäftigte mich und trieb mich um.

Du hast sie ja offenbar überwunden. Erzähl uns wie?

Ganz einfach: Lies das Nachwort nochmal. Das kann ich auch nur den Lesern dieses Interviews empfehlen. Denn dazu müssen sie, ha!, das Buch kaufen. Und das schadet nichts. Ganz ehrlich: Ich habe eine Menge begeisterter Rückmeldungen erhalten, und keiner sagte mir oder schrieb in einer Rezi: »Doof!« Aber das Buch hat nicht so viel Aufmerksamkeit (und Verkäufe) bekommen, wie ich gerne hätte. Naja, das sagen wohl viele Autoren zu vielen Büchern :-). Die Coronakrise, die sich auch im Buchmarkt sehr wohl bemerkbar gemacht hat, hat ihr Scherflein beigetragen …

Ich glaube, dieser Roman hat mir auch deshalb so viel Mühe bereitet, weil er, hm, ziemlich tief in mir steckte. Weil ich darin zwischen den Zeilen einige Wahrheiten verarbeitet habe. Die sich jetzt nicht auf Kometen und potenzielle Außerirdische beziehen.

Was waren die Überlegungen, die zu »Fallender Stern« geführt haben?

Etwas ganz anderes zu machen, das keine übliche SF ist. Also, das Thema ist ja durchaus typisch: Ein Erstkontakt. Oder ein potenzieller Erstkontakt. Aber die Herangehensweise ist untypisch – es ist eine Familiengeschichte. Was dazu geführt hat, dass auch Leute das Buch gut fanden, die sonst nie SF lesen. Etwa eine Freundin, die tatsächlich noch nie (!) SF gelesen hat. Oder ein 13jähriger aus meinem Bekanntenkreis.

Außerdem wollte ich es im gewissen Sinn »so schreiben wie ein Hollywood-Film funktioniert« – nicht auf irgendwelche Klischees bezogen, sondern auf die positiven Dinge der Machart. Da freute es mich, dass der Piper-Cheflektor nach der Lektüre des Minikonzeptes sagte: »Das ist ja wie ein Hollywood-Film.« Offenbar war das schon in dieser ersten Superultrakompaktform zu spüren, obwohl ich es da natürlich nicht erwähnt habe.

Mich hat das Buch sehr gut unterhalten. Vor allem war ich erstaunt, dass eine Familiengeschichte eingewoben in die Frage »Was tun wir, wenn wir außerirdisches Leben entdecken« derart spannend geschildert werden kann (Hut ab!). Wie bist du auf die Idee gekommen, eine Familie über Jahrzehnte literarisch zu begleiten?

Woher das kam, weiß ich nicht, ehrlich gesagt. Es war von Anfang an da – ausgelöst durch ein Gestaltungsprinzip. Es gibt im Roman technische Themen, reale Raumfahrtideen, die ein wenig weiterentwickelt sind zu dem, was wir heute können. Kein Vergleich mit PR-Technologie. Diese Themen sind auch essentiell für die Handlung, aber ich wollte sie nicht in den Vordergrund stellen. Darum erschuf ich mir Figuren, die diese Technologie eben auch nicht unbedingt in den Vordergrund stellen – sie nähern sich dem Thema auf andere, durchaus unterschiedliche Weise.

Die Jahrzehnte, die vergehen, sind wiederum handlungsbedingt … und nach einer kurzen Überlegung, eine Generationengeschichte zu erzählen, entschied ich mich, die beiden wichtigsten Hauptfiguren während der Handlung altern zu lassen. Und Chayne, tja, die hat sich dazugestohlen, als sie als kleines Mädchen auf dem Fahrrad saß mit ihren verschwitzten Haaren.

Gehen wir konkret auf die Handlung ein. Die Zwillinge Eve und Eric sind gerade mal zehn Jahre alt, als eine außerirdische Funknachricht aufgefangen wird – von einem Asteroiden, der von außerhalb des Sonnensystems kommt und der in 30 Jahren die Erde so nah passiert, dass man für kurze Zeit darauf landen könnte. Wie würdest du darauf reagieren? Pro oder Kontra Landung?

Es wäre nicht meine Entscheidung. Ich fände es unglaublich spannend, was das philosophisch bedeuten würde. Also, welche Auswirkungen es hätte. Deshalb machen sich meine Figuren auch Gedanken dazu – philosophisch, religiös, sprachphilosophisch usw.

Würdest du alles liegen und stehen lassen, um bei der Forschung mitzuarbeiten?

Nein. (Wortgewaltig, gell?)

(Anmerkung: in der Tat. Was ist noch mal dein Beruf? ;-))

Würdest du den Asteroiden auch betreten wollen?

Das würde ich mal hübsch anderen überlassen. Mal ganz davon abgesehen, dass ich wohl zu alt wäre, um jetzt in ein Astronautentraining einzutreten :-).

Was mich bei dem Buch fasziniert hat, war die Ausleuchtung der Psyche der Zwillinge. Bei RHODAN kommt das ja durch den geringeren Platz meist zu kurz. Wie könnte man das doch unterkriegen?

Hier funktioniert ein solcher Roman grundlegend völlig anders als eine Serie wie PERRY RHODAN. Von daher ist (sorry :-)) deine Frage falsch. Es ist kein Mangel der PR-Serie, dass solche Schilderungen da eher die Ausnahme bilden, es gehört essentiell zu der Serie, dass es so ist. Hin und wieder treten auch da Charaktere in ausführlichen Schilderungen nach vorne; mir ging bzw. geht es mit der Figur der Anzu Gotjian so, die sich gerade in meinen Romanen tummelt, obwohl sie dort laut Exposé nichts zu suchen hat. Sie fühlt sich dort trotzdem wohl.

Die Handlung von »Fallender Stern« ist für mich realistisch, sprich es könnte sehr wohl so passieren. Hattest du Alternativszenarien und wie hast du dich für die Variante im Buch entschieden?

Keine Alternativen – wie gesagt, das stand von Anfang an. Ich könnte mir jetzt Alternativen ausdenken … aber das würde zu etwas ganz anderem führen. Ich arbeite übrigens gerade wieder für Piper an einer neuen Erstkontaktgeschichte – die aber völlig anders ist als diese. Und zwar, wie soll ich sagen, völlig anders. Schon von der ersten Seite an.

Du schilderst konsequent die Handlung abwechselnd aus der Perspektive entweder von Eve oder von Eric. War das von Anfang an klar?

Auch wenn‘s langweilig ist – ja. Ich erinnere mich nicht mehr genau, ob es schon im Konzept stand, aber mit den ersten Romanseiten war das klar. Ich habe ein paar Einsprengsel, die aber ganz klar als solche gekennzeichnet sind, die dieses Gestaltungsprinzip durchbrechen (die Zeitungsartikel und die Dienstagnachmittag-Videos). Und ich breche das Prinzip genau einmal, aber sehr bewusst: Auf den letzten Seiten. Wer den Roman gelesen hat, weiß, warum.

Hattest du eine Logline, um das Buch zu verkaufen?

An Piper hab ich es glaub ich auch mit dem Eingangszitat gebracht, das ganz ähnlich schon im Minikonzept stand: »Der 16. Mai 2033 veränderte die Welt, obwohl wir alle wussten, dass wir noch dreißig Jahre warten mussten. Drei Jahrzehnte. Und weil nicht genug Zeit blieb, brach Hektik aus.« (Holovideo aus dem Oval Office zum Jahrestag der Entdeckung, abrufbar seit 16. Mai 2053)

Eric denkt als Schüler gerade zu politisch inkorrekt übers Gendern. Ist man als Autor froh, auch Gedanken einer Figur in den Mund zu legen, die kontroversiell sind?

Ach, was heißt froh. Man muss generell vorsichtig sein: Aussagen von Romanfiguren entsprechen nicht notgedrungen den Meinungen von den jeweiligen Autoren.

Zitat: »Mit der Kindheit verlor man auch den Blick für Wunder«. Schade, oder? Wie hast du dir das bewahrt?

Ja, das ist schade. Kinder haben Erwachsenen in dieser Hinsicht vieles voraus – pauschal gesagt. Es gibt Ausnahmen auf beiden Seiten. »Werdet wie die Kinder« ist ja auch kein ganz neuer Tipp 🙂

Jedenfalls tut es unglaublich gut, sich das Staunen zu bewahren oder es wieder zurückzugewinnen. Ich bewahre es mir häufig, wenn ich in der Natur bin und mir sage: Wundervoll. Und kein Zufall.

Es gibt eine RHODAN-Anspielung, konkret auf einen Gucky-Film. Hat das der Lektor anstandslos durchgewinkt?

Ja. Und wenn er das nicht getan hätte, hätte ich darum gekämpft. Aber es gab keinen Grund, es nicht durchzulassen, finde ich. Freuen wir uns also auf »PERRY RHODAN Origins: Gucky«!

Du hast den Seitenhieb angebracht, dass die Menschheit »verblödet«, denn die meisten Menschen halten in deinem Buch im Jahr 2040 Luke Skywalker für den ersten Menschen am Mond. Was denkst du – verblödet die Menschheit?

Hm. Nicht generell. Und verblöden ist nicht das Wort, das ich in einer ernsthaften Stellungnahme verwenden würde … aber es gibt Tendenzen, die mich zweifeln lassen, wenn ich mich umsehe. Ich will hier nicht politisch werden. Und ganz klar ergänzen: Dieses Zweifeln kommt einer Enttäuschung nahe. Und damit einer Ent-täuschung, also dem Ende einer Täuschung.

Du bist ein Fan von Erstkontakten – wo kommt die Faszination her? Und was ist die Faszination?

Damit sind wir wieder bei dem Thema: »Staunen über Wunder«. Du siehst, wie raffiniert ich das in der Tiefenstruktur des Buches verwoben habe :-), dass es sogar in deinen Fragen immer wieder auftaucht. Aber ernsthaft: Es ist natürlich eine Gedankenspielerei, eine Geschichte, die unglaublich viel Faszination beinhaltet, wenn man versteht, sie herauszukitzeln. Ich glaube, es ist mir in diesem Roman recht gut gelungen – besser als bei anderen Versuchen meinerseits. Das Fremde kann ja per se auch beängstigend sein … oder faszinierend. Oder beides. Und lehrreich. Erhellend. Die Grenzen erweiternd. Usw.

Kurz: Ein tolles Thema, das viel über »mich selbst« zeigt, nicht im Sinne des Autors Christoph Dittert, sondern im Sinne des Lesers: »Wer bin ich – was ist das andere?«

Im Zauberspiegel-Interview (https://www.zauberspiegel-online.de/index.php/frage-antwort/im-gesprch-mit-mainmenu-179/37882-christoph-dittert-ueber-fallender-stern-und-erstkontakte) gibst du eine Vorschau auf die nächsten Projekte. Was kannst du da noch ergänzen?

Dort ist noch nicht der neue Roman für Piper erwähnt – und dort steht sicher auch nicht, dass ich mit Björn Berenz gerade Teil 5 unserer Reihe »Explorer Team« schreibe. Und darum schnüre ich nun dieses Interview zu und widme mich anderen Dingen :-). Vielen Dank für deine Fragen und bis bald!

Danke, Christoph, für deine Zeit.

Hier geht’s zum Buch im RHODAN-Onlineshop:
https://perry-rhodan.net/shop/item/9783492705370/fallender-stern-von-christoph-dittert-paperback

Und hier zum ebook:
https://perry-rhodan.net/shop/item/9783492994460/fallender-stern-von-christoph-dittert-e-book-epub

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