Im Gespräch mit Bernd Perplies über »Qumishas Sehnsucht«, PRMS2, Band 9

Bernd Perplies
PERRY RHODAN
MISSION SOL 2, Band 9
Qumishas Sehnsucht

Science-Fiction, Heftroman, Hörbuch und E-Book, Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt, 8. Juli 2020, 64 Seiten, € 2,50, Titelbild: Arndt Drechsler

 

Alexandra Trinley: Bernd, wer ist die Frau auf dem Titelbild?
Bernd Perplies: Tess Qumisha, die aktuelle Kommandantin des Fernraumschiffs SOL – ebenfalls im Bild zu sehen.

Alexandra Trinley: Üblicherweise sind die weiblichen Hauptpersonen von Science-Fiction-Romanen entweder jung oder mindestens zur Hälfte aus Technik, weise Ratgeber fern der Actionhandlung oder böse Hexen. Welche Charakterzüge hat Tess Qumisha?
Bernd Perplies: Ich kann nicht für die junge Tess sprechen (der Charakter existiert ja schon seit einer ganzen Weile im Perryversum), aber die alte Tess ist eine Anführerin wider Willen. Sie wurde von Perry praktisch zum Kommandantenjob überredet, weil sie es war, die nach dem Tod von Fee Kellind, der alten Kommandantin, besonders laut dafür plädiert hat, dass die Gewaltenteilung an Bord der SOL erhalten bleibt, dass es also nach wie vor einen Expeditionsleiter (aktuell Roi Danton) und einen Kommandanten des Schiffs gibt. Sie ist eine liebende Ehefrau, eine gute Organisatorin und sie hat keine Angst vor »Lichtgestalten« wie die Unsterblichen Perry Rhodan und Roi Danton, mit denen sie immer wieder zusammenstößt. Aktuell leidet sie unter dem Tod ihres Sohns und durchläuft ein emotionales Tief. Deswegen erwacht auch die Sehnsucht in ihr, nach all den Jahren im All wieder zur Erde zurückzukehren, dem sicheren Hafen.

Alexandra Trinley: Qumishas Partner ist alt, und zum Handlungszeitpunkt quasi dement. Hat die durchgängige Alterung der SF-Leserschaft mit dem Auftauchen solcher Protagonisten zu tun, oder ist es eine Bewegung hin zum Darstellen realen Alltags in der SF?
Bernd Perplies: Alternde Charaktere gab es doch bei PERRY RHODAN schon immer, oder? Das erwächst zwangsläufig aus den enormen Zeitspannen, in denen die Serie erzählt wird. Irgendjemand ist da immer alt – außer den Unsterblichen. Benjameen, Qumishas Mann, ist ja auch nicht »altersschwach«, sondern leidet unter den aktuellen Umständen in der Serienhandlung, einer unglücklichen Verquickung seiner Mutantengabe des Zeroträumens und der Zustände im Sphärenlabyrinth.

Alexandra Trinley: Qumisha erzählt ihrem Mann von »erfreulichen Banalitäten an Bord«, um ihm bei der seelischen Rückkehr zu helfen. Findest du Banalitäten und Alltag wichtig, um einen SF-Roman zu verankern?
Bernd Perplies: Ich mag es, gelegentlich darauf hinzuweisen, dass auch Romanwelten nicht bloß aus wilden Verfolgungsjagden, krachenden Feuergefechten und heißem Sex bestehen. Als Autor schreibt man ja nur dann, dass jemand zur Toilette geht, wenn er dort erschossen wird (oder so). Ein gelegentliches Aufblitzen von Alltag bzw. der Hinweis darauf, dass das Leben auch jenseits der Abenteuer der Protagonisten weitergeht, gefällt mir daher sehr gut.

Alexandra Trinley: Ich liebe die Szene, in der ein Techniker die Schleuse öffnen und rausgucken muss, um die Sensordaten zu bestätigen. Hast du bei so was Bilder aus anderen Serien im Kopf?
Bernd Perplies: Nein, eigentlich nicht. Aber es beschäftigt mich schon eine ganze Weile, was für Fallstricke daraus entstehen können, wenn wir die Welt nur noch durch Sensordaten, Internet-Informationen oder durch Augmented Reality verzerrt wahrnehmen (also aus zweiter Hand), statt unseren eigenen Sinnen zu vertrauen (die zugegeben genauso getäuscht werden können wie Computer).

Alexandra Trinley: Du lässt die SOL »auf Hyperzehenspitzen ausweichen«. Wie kamst du auf diese Formulierung?
Bernd Perplies: Naja, sie schleichen sich ja an besagter Stelle durch das Sphärenlabyrinth, d. h. sie bewegen sich metaphorisch gesprochen »auf Zehenspitzen«. Und bei PERRY RHODAN ist ja irgendwie alles »hyper«, also »Hyperzehenspitzen«.

Alexandra Trinley: Welche Art von Konflikt hat Qumisha mit Rhodans Sohn Roi Danton?
Bernd Perplies: Danton will auf Biegen und Brechen die Terminale Kolonne TRAITOR, beziehungsweise das, was von ihr übrig ist, stoppen. Da er dafür auch bereit ist, die SOL zu riskieren, stößt er natürlich mit Qumisha zusammen, deren primäres Interesse das Wohlergehen der Solaner ist und nicht zwangsläufig die Rettung einer Millionen von Lichtjahren entfernten Galaxis.

Alexandra Trinley: Kannst du persönlich dir Heimat nur als Planet vorstellen oder auch als Ort im Weltraum, auf einem Generationenschiff?
Bernd Perplies: Ich wollte schon auf einem Raumschiff leben, seit ich die Enterprise-D mit ihren hellen, weiten Korridoren und den coolen Freizeiteinrichtungen – Stichwort Holodeck – vor vielen Jahren erstmals über den TV-Bildschirm fliegen sah. Das Leben einer eingeschworenen Gemeinschaft in einem räumlich begrenzten Umfeld hat mich stets fasziniert. Ob ich selbst dazu wirklich imstande wäre, bleibt wohl offen.

Alexandra Trinley: Empfindest du das dem Widerstand gegen die Kolonnen-Anatome mit ihrem Klonen und ihrem Zusammenstückeln verschiedenster Lebewesen zugrundeliegende Thema als Ringen um Identität?
Bernd Perplies: Nein. Man mag es so interpretieren können, aber in der Regel denke ich beim Schreiben nicht in solchen Metaebenen. Die Kolonnen-Anatome sind für mich schlichtweg perverse Wissenschaftler, die vielleicht aufzeigen, wohin eine Wissenschaft ohne jede Ethik führen könnte. Der Widerstand gegen sie und ihr lebensverachtendes Tun sollte die normale Reaktion jedes empfindungsfähigen Wesens sein.

Alexandra Trinley: Qumisha hat die Technik der SOL, inklusive Waffentechnik, im Griff, was ihr Kommando auf eine völlig andere Ebene hebt als das von Mahlia Meyun mit ihren persönlichen Problemen in PRMS1. Welche Gemeinsamkeiten, welche Unterschiede haben die beiden Frauen?
Bernd Perplies: Gemeinsam ist beiden Frauen sicher ihr starkes Gefühl für Familie. Mahlia würde alles für ihre Kinder tun, Qumisha kümmert sich rührend um ihren kranken Mann. Außerdem sind es beides Frauen, die anpacken und was Positives bewegen wollen. Dafür springen sie auch über ihren Schatten und übernehmen Verantwortung, die sie nicht unbedingt wollten. Die Unterschiede liegen natürlich in der Sozialisation. Mahlia ist, allen Hypnoschulungen zum Trotz, immer noch ein wenig Land-Ei, das sich nach einem festen Zuhause sehnt, ihrer kleinen Welt im Tal. Qumisha dagegen ist seit jungen Jahren eine Galaxienreisende. Selten hat es sie länger irgendwo gehalten. Immer ist sie zum nächstbesten Zeitpunkt an Bord irgendeines Fernraumschiffs gegangen, um fremde Welten zu besuchen.

Alexandra Trinley: Stichwort Technik. Kommen wir zu einem kniffligen Thema: SF-Autoren und funktionierende Technologie. Erkläre »Kryotechnik«.
Bernd Perplies: Eine Methode, um lebende Körper medizinisch sicher runterzukühlen und sozusagen in einen Kälteschlaf zu versetzen. Praktisch, wenn man Leute lange Zeit »auf Eis« legen will, ohne dass sie dabei in Normalgeschwindigkeit altern.

Alexandra Trinley: »Supratron-Generatoren«.
Bernd Perplies: Zylinderförmige Apparaturen (37 Meter hoch und mit einem Durchmesser von 55 Metern), die im UHF- und SHF-Bereich des Hyperspektrums arbeiten und von der Terminalen Kolonne für die Erzeugung von Dunkelfeldern, Fraktalen Aufriss-Glocken und für den Überlichtflug verwendet werden. (So, jetzt habe ich einen Serienbegriff mit vier weiteren erklärt.)

Alexandra Trinley: »Ricodin«.
Bernd Perplies: Der wichtigste Werkstoff der Terminalen Kolonne. Daraus bauen sie alles, vom Raumschiff bis zur Toilette (letzteres ist eine rein spekulative Aussage meinerseits). Eine Eigenheit des schwarzen Ricodins ist es, dass die Oberfläche bei genauerer Betrachtung in fraktale Muster zerfällt. Bei längerer Beobachtung des Ricodins bekommt der Betrachter das Gefühl, als werde er hypnotisiert. Das Material scheint sich zu bewegen. Sehr beunruhigend.

Alexandra Trinley: »Potenzialwerfer«.
Bernd Perplies: Eine Offensivwaffe der Terminalen Kolonne, ein echter Kracher! Der Potenzialwerfer fokussiert das in Form von Hyperbarie im Hyperraum angesiedelte Gravitations- und Masse-Äquivalent nahe stehender Sonnen hyperphysikalisch auf das gewünschte Ziel. Dadurch kommt es im Normalraum zu einem extremen Gravitationseffekt. Jedes Ziel wird zu einem kleinen, extrem verdichteten Klumpen komprimiert.

Alexandra Trinley: »Kompantin«.
Bernd Perplies: Eine Person – hier weiblich –, die durch die Manipulationen der Kolonnen-Anatome imstande ist, in dem zwischen den Universen liegenden Sphärenlabyrinth zu navigieren. Für normale Sinne existiert dort nur ein grauer, endloser Nebel. Eine Kompantin aber sieht aus glitzernden Fäden bestehende Kugelschalen, die durch unzählige weitere Fäden verbunden sind.

Alexandra Trinley: Die Sache mit der Fibonacci-Zahl, stammt das von dir oder aus dem Exposé?
Bernd Perplies: Das stand so im Exposé.

Alexandra Trinley: PEW-Metall, Sphärenlabyrinth … Empfindest du Wesen ohne Körper als Lebewesen?
Bernd Perplies: Warum nicht? Gut, man könnte die Definition von »Leben« an sich zwingend an irgendwelche biologischen Prozesse koppeln, und genau genommen hat wohl noch kein phantastischer Roman (egal ob Horror oder SF) erklären können, wie ein reines Geistlebewesen ohne Sinne Dinge wahrnehmen kann oder ohne Hormone Empfindungen zu verspüren vermag. Aber wenn man davon ausgeht, dass das möglich ist, dann, klar, sind auch Wesen ohne Körper Lebewesen.

Alexandra Trinley: Wer ist KOLTOROC?
Bernd Perplies: KOLTOROC war eine negative Superintelligenz, die den Rang eines Chaopressors in der Terminalen Kolonne TRAITOR inne hatte, also ein sehr hoher Heerführer war. Ist aber mittlerweile tot.

Alexandra Trinley: Du reitest darauf herum, dass KOLTOROC seinerzeit Mondras niedlichen Klonelefanten getötet hat. Könntest du dir so einen Sofaelefanten als Haustier vorstellen?
Bernd Perplies: He, das war doch auch barbarisch! So kurz vor Schluss. Reine Böswilligkeit! Aber, nein, ich brauche eigentlich gar kein Haustier. Ich habe schon zwei Kinder. Die halten mich auf Trab.

Alexandra Trinley: Deine Traitanks sind detailliert beschrieben und schwarz. Auf dem Titelbild des Vorgängerbands ist aber ein goldener Traitank. Wie starr sind eure Vorgaben?
Bernd Perplies: Naja, auf meinem Titelbild ist eine goldene Qumisha. Die Titelbilder sind alle stilisiert und folgen diesem golden-rötlich-schwarzen Farbschema. Außerdem ist der Traitank auf Band 8 vermutlich auch in Wahrheit schwarz (so wie alle Traitanks, die ja aus Ricodin bestehen). Er wirkt nur im Umfeld des gelben Universums golden.

Alexandra Trinley: Die Mächte des Chaos haben eine funktionierende Verwaltung, die zum Beispiel eingesammelte Lebewesen »der Ernte zuführt«. Ist das wahrhaft Böse nun das Chaos oder eine lebensfeindliche Ordnung?
Bernd Perplies: Das ist eine Frage jenseits meiner Gehaltsklasse. Das wissen nur die Expokraten. Dieser Widerspruch von Chaos und extremer militärischer Megastruktur existiert bei der Terminalen Kolonne ja schon immer. Und ob etwas »böse« ist, das ist letztlich eine Frage der Perspektive. Ich glaube, es wurde irgendwann mal etabliert, dass Kosmokraten und Chaotarchen an sich bloß zwei völlig unterschiedliche Existenzansätze haben. Die einen unterstützen das Leben, wie es sich aktuell im Multiversum ausgebreitet hat. Die anderen bevorzugen extremere Existenzformen. Aber – so ganz nebenbei gesprochen – die »Ernte« ist ein Konzept, das BARIL verfolgt und BARIL ist – Stand meines Romans – weder ein Diener der Chaotarchen noch mit ihnen verbündet. Mit TRAITOR paktiert einstweilen bloß BARILS Stimme, ein womöglich fehlgeleitetes Individuum.

Alexandra Trinley: »Dorn« und »Kralle« halten die Kontrolle der Chaosmächte aufrecht. Welchen Effekt hat es, hier vertraute Begriffe zu verwenden statt abgefahrene SF-Neologismen?
Bernd Perplies: Es erleichtert dem Leser das Verständnis, wenn Begriffe verwendet werden, die mit gewissen Eigenschaften assoziiert werden – etwa Schmerz oder Gefahr. Wenn jemand unter dem Jaduihef des Laboraten leiden würde, wäre da beim Leser nur ein Fragezeichen im Kopf. Eine Kralle, die sich in den Nacken und Geist des Opfers »krallt«, wirkt deutlich plastischer.

Alexandra Trinley: In deiner Schreibweise fallen mir akustische und haptische Bestandteile auf, deine Protagonisten hören Geräusche und bemerken Bewegung, sie interagieren, sie beobachten. Achtest du da bewusst drauf?
Bernd Perplies: Ich versuche immer, möglichst lebendig zu schreiben. Texte, die nur aus Dialogen bestehen, die einem kein Bild der Umgebung und der Personen vermitteln, sind gar nicht mein Ding, denn man kann sie zwar lesen und die vermittelte Information aufnehmen, aber man kann nicht in ihnen versinken. Es entsteht kein Kopfkino. Aus diesem Grund lasse ich meine Figuren auch hören, schmecken und empfinden, wenn es sich anbietet.

Alexandra Trinley: Und damit sind wir schon fertig. Danke für deine Zeit.
Bernd Perplies: Immer wieder gern.

 

Eine Lese- und Hörprobe und weitere Informationen gibt es auf der PERRY RHODAN-Website.

Eine Handlungszusammenfassung gibt es in der Perrypedia.

Eine Übersichtsseite zur Miniserie MISSION SOL 2 »Labyrinth« gibt es ebenfalls auf der PERRY RHODAN-Website.

Die Interviewreihe zu PRMS1 als kostenloses E-Book »Mission Evolux«.

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