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»Perry und das geheimnis der Klappergasse« von Björn Wende

Gefühlt jeder Besucher der Altstadt von Sachsenhausen wollte ein Bild mit ihm machen. Überall wedelten Menschen mit Fotos aus den Sofortbildkameras, oder sie wedelten einfach so mit den Armen, um ihn zu grüßen. Ihn, den Administrator der Terranischen Weltregierung, den Helden von Beteigeuze, der Springer, Topsider und Arkoniden hinters Licht geführt hatte.
Tja, soviel zu seinem Versuch, unerkannt irgendwo auf diesem vor Menschen wimmelnden Planeten seinen Geburtstag zu verbringen. Sie feierten ihn wie einen Popstar: Hochzeitspaare, Junggesellenabschiede beiderlei Geschlechts, eine Abteilung Fans eines lokalen Fußballvereins, welche abgeänderte Fangesänge zu seinen Ehren anstimmten, eine japanische Reisegruppe, der Besitzer einer der neuartigen Dönerbuden, welcher ihm einen verführerisch duftenden Döner schenkte, den er sogleich an einen der beiden überforderten Personenschützer weiterreichte.
Seine Personenschützer hatten es längst aufgegeben, ihn von der Menge abzuschirmen, dafür Verstärkung angefordert und schauten sich nur noch verzweifelt nach potenziellen Attentätern um. Es wurden nur immer mehr Menschen, da bereits einige Nachtschwärmer mit den neuartigen Multikom-Armbändern von Telefunken, genannt Mukos, ihren Freunden mittels integriertem Pager die frohe Kunde mitteilten, welcher Promi sich in die Altstadt verirrt hatte.
Perry ertrug es mit einem Lächeln, stellte sich vor jede Kamera, schüttelte Hände, durfte eine Braut küssen, wurde von einer Frau in Tracht mit Kopftuch und Steingutkrug geküsst, richtete ein nettes Wort an alle, wirkte keinen Moment genervt.

Als die halbe Altstadt unisono Perrys Namen skandierte, ein Team des Hessischen Rundfunks anrückte und endlich einige uniformierte Sicherheitskräfte der Landespolizei von Hessen zu ihm vordrangen, nur um sich dann auch noch mit ihm ablichten zu lassen, konnte Perry sich hinter eine Sicherheitskette von grüngekleideten deutschen Polizisten zurückziehen.
Er fand zusammen mit den Personenschützern eine urige Kneipe in der berühmten Klappergasse, Mittelpunkt des Amüsierviertels Sachsenhausens, wo die Menschen auf Holzbänken an langen Holztischen saßen und Apfelwein aus großen Steingutkrügen tranken, und wo die Leute seit unzähligen Jahren die wirklich ultimativen Fragen des Lebens diskutierten. Das Licht war gedämpft, niemand erkannte Perry.
Dabei hatte er gehofft, wenn er sich in Jeans und Holzfällerhemd kleidete und eine Baseballkappe der Yankees (von Bully ausgeliehen) aufsetzte, als normaler amerikanischer Tourist durchzugehen. Er sah lächelnd die beiden breitschultrigen Personenschützer des BKA in ihren Anzügen an und wusste, warum das nicht funktioniert hatte. Sie waren ihm als Rudi und als Paul vorgestellt worden, braungebrannte Hünen. Beide trugen lässige Sakkos, Stoffschuhe ohne Socken und T-Shirts und waren somit auffällig gemäß dem neusten Trend gekleidet. Rudi und Paul sahen wie die Figuren einer populären Cop-Serie aus Florida aus. Es bedurfte keiner Beschilderung, um sie als Polizisten und ihn als Prominenten zu markieren.
Paul mampfte den mitgebrachten Döner und versuchte dabei krampfhaft, sich nicht zu bekleckern. Das störte den Wirt offenbar nicht weiter, was Perry verwunderte, bis er begriff, dass er sich in einem Lokal befand, wo es geduldet wurde, sein Essen mitzubringen.
Rudi musterte im Halbdunkel der Kneipe die Umgebung. Seine High-Tech-Fliegerbrille von Zeiss konnte als besonderes Gadget das Restlicht verstärken. Rudi klappte die Gläser hoch, beugte sich zu seinem Schützling über den Tisch und teilte diesem in schlechtem Englisch mit, dass er keine verdächtigen Personen ausmachen könne. Er versuchte sich zu entschuldigen für das Chaos, welchem sie gerade entkommen waren: »Unser Vorgesetzter hatte Sie gewarnt, dass wir nicht ausreichend für Ihre Sicherheit sorgen können.«

In bestem Pennsylvania-Deutsch antwortete Perry: »Entspannen Sie sich, Sie trifft keine Schuld, alles ist gut.«
Rudi und Paul sahen ihn an, als hätten sie einen Außerirdischen vor sich, dann lachten sie beide laut auf. Mit einem einzigen Satz in ihrer Sprache und entsprechendem Ton hatte er die angespannte Situation aufgelöst.
»Ja, da soll mich doch der Affe lausen«, entschlüpfte es Rudi. »Ihr Deutsch ist aber hervorragend«, lobte ihn Paul und klopfte auf Perrys Schulter. »Haben Sie das per Hypno-Dingsbums gelernt?«
Perry schüttelte den Kopf. »Nein, meine Vorfahren stammen aus Süddeutschland. Und ich habe enge freundschaftliche Verbindungen nach Friedrichsdorf. Da habe ich so einiges aufgeschnappt.«
Rudi und Paul lachten erneut und schüttelten ihm nacheinander die Hand. Jede Distanz schien auf einmal verschwunden. »Mensch, das ist ja prima, herzlich willkommen in der alten Heimat.«
Rudi wedelte zum Wirt, zeigte dabei drei Finger, eine Geste, welche dieser sofort verstand, denn innerhalb kürzester Zeit standen drei Gläser (Paul nannte sie Gerippte), einer der Steinkrüge (Rudi sagte dazu Bembel) sowie eine Flasche Mineralwasser (Perry erinnerte sich, dass man hier dazu Sprudel sagte) auf dem Tisch.
»Passen Sie auf, das Zeug geht ganz schön in den Kopp. Also der Apfelwein, nicht der Sprudel. Verdünnen Sie es 2:1 mit dem Sprudel«, riet ihm Paul. Perry nippte vorsichtig an der Mischung und musste zugeben, dass das saure Getränk ihm ganz hervorragend schmeckte.

In einer anderen Ecke der Kneipe wurde laut gelacht und geprostet, auf dem Tisch stand eine Torte mit einer Zahl drauf.
»Wenn ich das richtig verstanden habe bei der Einsatzbesprechung, wollten Sie den offiziellen Feierlichkeiten zu ihrem Geburtstag in Galakto City entgehen«, versuchte Paul das Gespräch in Gang zu bringen.
Perry nickte bestätigend. »Ja, mit meinen Geburtstagen ist das so eine Sache. Ich will sie eigentlich nicht mehr feiern.«
»Ach, kommen Sie«, ließ sich Rudi vernehmen. »Sie haben doch nicht etwa eine Midlife-Crisis? Sie sehen aus wie 40, keinen Tag älter. Jede Frau auf diesem Planeten würde gerne eine Nacht mit Ihnen verbringen. Selbst meine Mutter bekommt glasige Augen, wenn Sie im Fernsehen zu sehen sind und hätte Sie gerne als Ehegatten für meine Schwester.«

Perry dachte nach. Was sollte er darauf antworten? Aus dem ganzen Ruhm machte er sich nichts. Sollte er ihnen sagen, wie alt er wirklich war? Dass er es fast selber nicht mehr wusste, da er vier Jahre auf dem Planeten des ewigen Lebens verloren hatte und seitdem das Altern für einige Jahre bei ihm unterbrochen worden war? Dass er auch in mehreren Jahrzehnten noch wie 40 aussehen würde, aber die anderen um ihn herum weiter alterten?
Perry fragte sich, ob es ein Fehler gewesen war, als er die Zelldusche angenommen hatte, dass er der Verantwortung gegenüber seinen Mitmenschen nicht gewachsen sein könnte. Er folgte seinem Tick, rieb sich die kleine Narbe an seinem Nasenflügel, schaute hinüber zu den anderen Feiernden und merkte deutlich, was ihm durch die Gabe des verlängerten Lebens, durch seinen Promistatus, durch seine Entscheidungen alles entgehen würde: Perry würde nie einfach mal so in einen Freizeitpark gehen können, ohne dort gleich eine Achterbahn eröffnen zu müssen oder ein Delphinarium.
Er würde nie auf Elternabende gehen können, so er denn jemals Kinder haben würde. Bowlen und feiern mit Kollegen, im Sommer zum Baseball, wenn ihm der Sinn danach stand durch die nächtlichen Amüsierviertel irgendeiner Stadt wandern, das hatte er heute wieder gesehen, war nicht mehr möglich. Und überhaupt Kinder: Diese würden altern, ihr Vater aber nicht. Genauso wie die restliche Familie, Freunde, Weggefährten. Das alles ging ihm innerhalb von Sekunden durch den Kopf.
»Klar. Midlife-Crisis. Danke für die Komplimente. Aber ich werde heute schon 60 Jahre alt.« Rudi und Paul lachten erneut laut auf und prosteten ihm zu. »Mensch, Sie haben sich aber wirklich gut gehalten, kein Tag älter als 40.«
Perry stellte für sich fest: Er fühlte sich wohl bei diesen beiden normalen Menschen. Vielleicht bot sich eine der wenigen Chancen in den nächsten Jahren, diesem Gefühl nachzugeben. Zusammen petzten die drei den Bembel weg, und dann noch einen.

Perry erwachte irgendwann am nächsten Tag mit brummendem Schädel in der Vertretung von Galakto City in Frankfurt. Mit beiden Händen griff er sich an den Kopf, dann an den Bauch, wo es laut vernehmlich gurgelte und blubberte. Er schwor sich, ES darum zu bitten, dass die nächste Zelldusche etwas enthalten solle, das Kater nach durchzechter Nacht unterbindet.

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