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»Veilchenduft« von Christian Eckhard Jäkel

»Raja, wir haben da ein Problem.« Auf dem Holoschirm war das Gesicht des Lademeisters Prahm erschienen, und es wirkte leicht genervt.

»Präzisiere: Problem«, verlangte Raja. Die Tefroderin, mit kupferfarbener Haut und schwarzen, nach hinten gekämmten Haaren, fungierte als Frachtmanagerin der SUNSPOT. Die SUNSPOT wiederum war ein Mehrzweckraumer, der Fracht und Passagiere zwischen den Sternen transportierte, aktuell auf Terra beladen wurde und dann eine Reise nach Ares antreten würde. Von der aus etlichen Sternenvölkern zusammengewürfelten Besatzung war Raja wohl die mit der entferntesten Herkunft, sie stammte aus dem Andromedanebel.

Prahm blendete ein Bild vom Landefeld ein, auf dem eine ätherisch wirkende Frau mit langer, platinblonder Mähne und einem luftig flatternden Kleid in Pastellfarben sichtbar wurde. Ein breites, blaues Band war als Gürtel um die Taille geschlungen und betonte ihre schlanke Statur. Die Frachtkiste neben ihr war mannshoch, aber recht schmal. Typ B3, erkannte Raja. Die Frau wirkte ziemlich erregt und redete gestikulierend auf einen Ladearbeiter ein.

»Das ist unsere Passagierin Viola von Merz«, erläuterte Prahm. »Sie verlangt, dass dieser Container von Hand ins Schiff getragen wird, weil die Beförderung mit einem Traktorstrahl ihr wertvolles Instrument beschädigen könnte.«

Rasch rief Raja an ihrem Terminal die Daten auf. Viola von Merz war offenbar eine Künstlerin, und ihre Agentur hatte für sie eine Passage von Terra nach Ares und zurück gebucht. Neben ihrem Handgepäck war ein Frachtcontainer des Typs B3 angemeldet. So weit, so gut. Um was für ein Instrument es sich handelte, ging aus den Unterlagen nicht hervor.

»Hast du ihr gesagt, dass unser Personal nicht dafür bezahlt wird, die Sachen auf Händen zu tragen, und dass die Gefahr einer Beschädigung dabei ohnehin viel größer wäre als beim Transport mit…?«

»Hab ich. Sie sagt, es ist eine Konzertharfe von Salvi, ein Instrument von unschätzbarem Wert, und sie ist noch nie mit einem Traktorstrahl bewegt worden.«

Raja seufzte entsagungsvoll. »Was, bitte, ist eine Harfe?«

Am benachbarten Arbeitsplatz war ihr Lagerverwalter Loup aufmerksam geworden. Er löste den Blick von seinem Display, auf dem er offenbar wieder einmal Kreuzworträtsel löste, beugte sich zu Raja hinüber und erläuterte ungefragt: »Großes Saiteninstrument mit fünf Buchstaben: HARFE.«

»Aha.«

Loup betrachtete ungeniert das Bild an Rajas Platz. »Eine wütende Elfe«, stellte er fest. »Sieht richtig süß aus.«

»Und was, zum Henker, ist nun wieder eine Elfe? Ich kenne bisher nur eine Elf, und die spielt Fußball.«

»ELFE. Anmutige Märchengestalt mit vier Buchstaben.«

»Geh zurück an dein Rätsel.«

»Darf ich dir vorher noch einen Tipp geben?« Er wartete ihre Zustimmung nicht ab, sondern fuhr fort: »Schick ihr zwei Serviceroboter, die das Teil tragen. Vielleicht genügt das ja ihren Ansprüchen.«

»Hm. Mal sehen.« Raja beorderte zwei Androiden auf das Landefeld und verständigte Prahm. »Biete dieser abgedrehten Elfe an, dass die beiden Androiden ihren Container tragen. Mehr kann ich nicht für sie tun.«

Prahm versuchte sein Glück und meldete kurz darauf, Viola von Merz habe sich einverstanden erklärt. Rajas Aufatmen blieb ein kurzes, dann war schon wieder Prahm in der Leitung. »Wir haben noch ein Problem.«

»Was denn jetzt wieder?«

»Für den Container wurde Tarifklasse II bezahlt, 40 bis 60 Kilogramm. Er wiegt aber 60,9 Kilo. Was jetzt?«

Raja überlegte, ob sie bereit war, ein Auge zuzudrücken. Bis 60,5 statt 60 wäre es noch eine akzeptable Toleranz gewesen, aber 60,9 lag eindeutig darüber. Andererseits war sie froh, dass diese Zwölfe oder Elfe sich gerade wieder beruhigt hatte. Sie nickte dem Hologramm des Lademeisters zu. »Prahm, du deklarierst jetzt die Wägung als Fehlmessung und korrigierst den Wert von Hand auf 60,5. Und dann hoffen wir mal, dass es keinem auffällt.«

*

Da die SUNSPOT noch einige andere Raumhäfen ansteuerte, dauerte der Flug nach Ares rund zwei Wochen. Ein paar Tage nach dem Start bekam Raja die Elfe erstmals persönlich zu sehen. Viola von Merz verlangte ausdrücklich nach dem Frachtmanager.

Raja empfing sie allein in ihrem Büro, Loup war nicht da. Die Elfe schwebte herein, wie man es von einem anmutigen Märchenwesen mit vier Buchstaben erwarten konnte. Das Farbmuster ihres Kleides sah irgendwie anders aus als neulich bei der Einschiffung, aber ebenfalls pastell und sehr luftig, und das blaue Band fehlte auch nicht. »Guten Tag. Ich…« Sie stutzte. »Sie sind der Frachtmanager?«

Raja kämpfte einen Anfall von Atemnot nieder. Viola stank. Intensiv süßlich. Sie hatte ein Parfüm aufgelegt, auf dessen Verpackung ›Nicht in geschlossenen Räumen verwenden‹ gestanden haben musste.

»Die Frachtmanagerin. Raja Travion.« Vermutlich war der Eindruck subjektiv. Die Evolution hatte das Volk der Tefroder mit einem überaus empfindlichen Geruchssinn ausgestattet. An Bord des Schiffes mit seiner sehr guten Klimaanlage und Luftaufbereitung war das nur normalerweise kein Problem.

»Ich, hm, wollte mich bedanken, dass Sie meinem Instrument den Traktorstrahl erspart haben. Dieser Lademeister war ziemlich stur, was das betraf.«

»Wissen Sie, Ihr Anliegen war wirklich sehr ungewöhnlich. Das dürfen Sie ihm nicht anlasten. Es freut mich, dass ich die Angelegenheit zu Ihrer Zufriedenheit regeln konnte.« Raja bemühte sich, flach zu atmen.

Viola nickte. »Die beiden Arbeiter haben das sehr behutsam gemacht. Wirklich.«

»Na, dann ist ja alles bestens.« Sollte sie noch die Gewichtsüberschreitung thematisieren? Sie entschied sich dagegen, schon allein, um die Konfrontation mit dieser Duftwolke nicht unnötig in die Länge zu ziehen.

»Ich würde mich gern erkenntlich zeigen. Was hielten Sie davon, wenn ich während der Reise ein Konzert gebe? Für die Crew und die anderen Passagiere?«

»Das kann ich zwar nicht entscheiden, aber ich denke nicht, dass der Kapitän Einwände hätte. Ich kann ihm Ihr Angebot gern unterbreiten. Ihnen ist aber klar, dass Ihr Instrument dazu aus dem Frachtraum in die Messe transportiert werden müsste?«

»Wenn die beiden Herren das noch einmal übernehmen würden? Gegen ein angemessenes Trinkgeld?«

Offenbar war der Elfe gar nicht aufgefallen, dass es sich um Androiden gehandelt hatte. Allerdings besaßen die Serviceroboter auch ein absolut humanoides Aussehen; man musste schon sehr genau hinsehen, um es zu merken. Raja beschloss, dieses Detail dezent für sich zu behalten und sich das Trinkgeld mit Loup zu teilen.

»Ich kümmere mich darum.«

Viola bedankte sich und verließ das Büro. Raja schaltete die Lüftung auf volle Leistung.

*

Die Mehrzahl der Passagiere und der größere Teil der dienstfreien Besatzung hatten sich zu dem angekündigten Konzert mit dem verheißungsvollen Titel ›Frühlingsträume‹ eingefunden. Raja wählte einen Platz sehr weit hinten, wo sie sich vor olfaktorischen Attacken einigermaßen sicher glaubte. Dadurch gab es neben ihr noch freie Plätze; auf einem davon ließ sich Loup nieder. Er grinste. »Wolltest du diese Elfe auch mal live erleben? Aber warum sitzt du hier hinten?«

»Weil ich sonst an ihrem Parfüm ersticke!«

»Ach ja. Deine Nase ist ja etwas sensibel.«

Die Harfenistin erschien, schwebte durch den Raum und erreichte die improvisierte Bühne, auf der bereits ihr Instrument stand. Ihr Weg führte allerdings an Raja und Loup vorbei. Die Tefroderin hielt die Luft an. Loup schnupperte vorsichtig. »Na ja, es geht. Veilchen offenbar, sehr passend.«

»Veilchen?«

»Frühlingsblume mit acht Buchstaben. Lateinisch: Viola.«

»Ach so.«

Vorschussapplaus klang auf. Die Harfenistin verneigte sich und nahm dann auf einem Hocker neben ihrem Instrument Platz. Es wurde still im Raum. Sie strich ihre Haare zurück und griff zart in die Saiten. Ein Hauch von Klang breitete sich aus wie ein Zauberteppich. Die folgende Stunde über vergaß Raja tatsächlich den Geruch und lauschte verzückt der Darbietung.

Das Konzert endete mit einem tosenden Applaus und dem Ruf nach einer Zugabe, dem die Künstlerin gern nachkam. Nach gefühlt hundert Verbeugungen verließ sie schließlich die Bühne und kam ausgerechnet an Rajas Platz. »Ich danke Ihnen nochmals. Auch für die Gelegenheit, an Bord auftreten zu dürfen.«

»Dafür müssen Sie dem Kapitän danken.« Luft. Ich brauche Luft.

»Sicher. Aber ohne Sie wäre das alles nicht möglich gewesen. Es war zugleich eine Art Generalprobe für meinen Auftritt auf Ares. Ich werde dort anlässlich der Abrüstungskonferenz spielen.«

Spontan dachte Raja, dass die Abrüstung von Giftgaswaffen unbedingt auf die Tagesordnung gehörte. »Ich wünsche Ihnen viel Erfolg. Sicherlich wird Ihre betörende Musik die Verhandlungen positiv beeinflussen.«

Die Elfe lächelte und warf ihre Haare zurück. »Danke für das Kompliment. Darf ich Sie und Ihren Kollegen noch zu einem Drink einladen?«

Großes Universum, bitte nicht das. »Das ist sehr freundlich, aber ich habe gleich Dienst. Tut mir Leid.«

»Schade.«

Die Elfe verflüchtigte sich. Ihre Parfümwolke blieb zurück und verflüchtigte sich deutlich langsamer.

»Du hast Dienst?«, wunderte sich Loup.

»Dienst an meiner körperlichen Unversehrtheit.«

*

Die Einreisekontrollen auf Ares fielen erheblich schärfer aus als sonst. Thantan da Argan, der arkonidische Chef der örtlichen Security, wandte sich persönlich in einem Funkspruch an die Besatzung der SUNSPOT und entschuldigte sich für die Unannehmlichkeiten. Wegen der Konferenz seien die Sicherheitsmaßnahmen intensiviert worden. Perry Rhodan persönlich sei als Schlichter hier, und einige Waffenkonzerne seien überhaupt nicht an Abrüstung interessiert, daher bestehe die Möglichkeit eines Anschlags.

Die Elfe verließ vorerst das Schiff, um in einem Hotel beim Kongresszentrum unterzukommen. Der Container mit ihrem Instrument wurde von den Androiden auf einen Antigravschweber geladen und reiste mit ihr. Raja sah ihr mit dem Gedanken nach, dass ihr auf der Rückreise vielleicht eine Begegnung mit der duftenden Blume erspart bleiben würde; alles was es mit ihr zu kommunizieren gab, war ja nun hoffentlich gesagt.

Vom Fortgang der Konferenz erfuhr sie nur aus den planetaren Nachrichten, und die hielten sich an die offiziellen Verlautbarungen, in denen von einer freundschaftlichen Atmosphäre und einer Annäherung in verschiedenen strittigen Punkten die Rede war. Also eigentlich von nichts. Ausdrücklich erwähnt wurde gleichwohl das Konzert der eigens von Terra angereisten Harfenistin, das als großer Erfolg gewertet wurde.

Das Ende der Konferenz würde die SUNSPOT nicht mehr auf Ares erleben; die Fracht war gelöscht, die neue Fracht verstaut, am nächsten Morgen sollte es zurück zur Erde gehen.

Am Abend zuvor traf Raja in der Messe mit Loup und Prahm zusammen. »Unsere Künstlerin ist wieder an Bord. Diesmal ohne Szene«, berichtete der Lademeister. »Das war wirklich ein guter Vorschlag mit den Androiden.«

»Nicht wahr?«, freute sich Loup. »Meine Idee.«

Raja nickte. »Und einen Anschlag hat es bisher auch nicht gegeben. Ich hatte mir wirklich Sorgen um diese Elfe gemacht, dass sie bei ihrem Konzert womöglich zusammen mit allen Konferenzteilnehmern einschließlich Perry Rhodan in die Luft gesprengt wird – auch wenn ich ihr Parfüm absolut widerlich finde.«

»Übrigens…«, Prahm senkte die Stimme, »…das mit dem Gewicht muss wirklich eine Fehlmessung gewesen sein. Ihr Container wog jetzt nur noch die avisierten 59,9 Kilo.«

Loup zuckte mit den Schultern. »Ares hat einen anderen Ortsfaktor.«

»Ist schon rausgerechnet. Wir sollten die Waage überprüfen lassen.«

Rajas Augen weiteten sich, als ihr plötzlich ein höchst unschöner Gedanke kam. Sie sprang auf.

»Was…?«, fragte Loup.

»Sie hat ein Kilo dagelassen!«, rief sie ihm zu, dann rannte sie auch schon davon, in Richtung der Funkzentrale.

»Schalte mir eine Verbindung zu Thantan da Argan«, verlangte sie vom diensthabenden Funker.

»Um diese Zeit? Der hat Feierabend.«

»Ein Sicherheitschef hat keinen Feierabend zu haben. Nun mach schon.«

Da Argans Dienststelle versuchte sie zu vertrösten. »Der Thantan ist nicht zu sprechen. Wenn Sie vielleicht morgen…«

»Ich habe eine wichtige Mitteilung für ihn. Es geht um ein Attentat auf die Konferenz.«

»Oh.« Die Verbindung kam innerhalb von drei Sekunden zustande.

»Da Argan hier. Sie wollten mir etwas mitteilen?«

»Ich bin Raja Travion, Frachtmanagerin der SUNSPOT. Es handelt sich um diese Musikerin, die auf der Konferenz ein Konzert gegeben hat. Ihre Harfe wog nach dem Konzert ein Kilogramm weniger als vorher. Könnte es sein, dass…«

Der Mann begriff schnell. »Verstehe. Ich lasse sofort alle Räume durchsuchen, zu denen sie Zugang hatte.«

»Danke. Viel Erfolg.«

»Ich habe zu danken.«

*

Gegen 22 Uhr Ortszeit erreichte sie ein Anruf im Bordnetz. »Raja Travion, bitte zum Kapitän.«

Sie konnte sich denken, was er wollte. »Raja, ich weiß Ihre Arbeit zu schätzen. Aber dass Sie von sich aus die Security wild machen und dann auch noch eine Passagierin beschuldigen, überschreitet Ihre Kompetenzen.«

Sie senkte schuldbewusst das Haupt. »Tut mir Leid, Sir. Aber ich hatte einen konkreten Verdacht, und es musste schnell gehen.«

»Ich erhielt eine Nachricht da Argans. Die Suche nach einer Bombe blieb ohne Ergebnis. Viel Lärm um nichts. Ich will für uns hoffen, dass Viola von Merz nichts von dieser Peinlichkeit erfährt. Und jetzt kein Wort mehr darüber.«

»Jawohl, Sir.«

*

Raja starrte die Wand ihrer Kabine an und haderte mit ihrem Schicksal. Sie wäre ja selbst froh gewesen, wenn diese Elfe, die so wundervoll musizieren konnte, nichts mit einem Anschlag zu tun gehabt hätte. Andererseits war die Harfe ein Kilo leichter geworden, dafür fand sie keine andere Erklärung. Es war doch auffällig, dass die Fracht von der Agentur mit unter 60 Kilogramm deklariert worden war und dann beim Einschiffen darüber gelegen hatte. Und dass hier auf Ares das ursprünglich angemeldete Gewicht wieder stimmte. Messfehler? Ortsfaktor? Ihre Zweifel siegten.

Sie stellte eine Verbindung zum Kapitän her. »Sir, ich habe eine Bitte. Bekomme ich Landgang genehmigt?«

»Landgang? Jetzt?«

Sie produzierte ein verlegenes Lächeln. »Ehe wir morgen abfliegen, möchte ich mich noch einmal ins hiesige Nachtleben stürzen. Ich muss meine Schlappe von vorhin irgendwie vergessen.«

»Nanu, das passt gar nicht zu Ihnen. Aber bitte. Urlaub bis zum Wecken. Wir starten um acht Uhr Ortszeit.«

»Danke, Sir.«

Für einen glaubwürdigen Ausflug ins Vergnügungsviertel konnte sie schlecht die Uniform anbehalten. Sie wählte einen hautengen Anzug in schwarz und rot, mit dem sie aussah, als sei sie geradewegs der Hölle entstiegen. Was das war, wusste sie von Loup. Ort der Verdammnis mit sechs Buchstaben: HOELLE.

Der Form halber kehrte sie kurz in einer Spelunke ein, gönnte sich ihren Lieblingsdrink – 160 Prozent Alkohol, davon 60 in den Hyperraum ausgelagert – wimmelte ein paar Typen ab, die offenbar Lust auf eine infernalische Bekanntschaft verspürten, und ließ sich dann gegen Mitternacht von einem Gleitertaxi zum Kongresszentrum bringen. Der Zugang wurde von Scheinwerfern erhellt, bewaffnete Posten standen auf beiden Seiten. »Kein Zutritt. Wegen der Konferenz ist das ganze Areal Sperrgebiet.«

Puh! Der Mensch hatte Zwiebeln gegessen. »Schon klar. Ich muss aber dringend mit Ihrem Chef sprechen.«

Der Mann lachte. »Und wen sollen wir melden? Luzifer?«

»Von mir aus. Der Name Raja Travion dürfte ihm aber mehr sagen.«

Der Wachmann trat ein paar Schritte beiseite und sprach in sein Comgerät. Dann kam er zurück und drückte ihr das Com in die Hand: »Hier. Reden Sie selbst mit ihm.«

»Ah, Sie sind es«, begrüßte sie da Argan. »Ihre Warnung war zum Glück blinder Alarm.«

»Ich weiß. Ich habe mir von meinem Käptn gerade einen ziemlichen Anpfiff dafür eingehandelt. Trotzdem bin ich überzeugt, dass da etwas faul ist. Welche Räume haben Sie durchsucht?«

»Den Sitzungssaal, die Künstlergarderobe, die Bühne, die Flure. Woanders kann die von Ihnen Verdächtigte nicht gewesen sein. Um wirklich alles zu durchsuchen, brauchen wir länger als bis morgen früh.«

»Lassen Sie mich rein?«

»Na gut. Willes, bringen Sie die Dame zur Künstlergarderobe, ich erwarte sie da.«

Willes salutierte vor seinem unsichtbaren Chef. »Zu Befehl.«

*

Da Argan betrachtete sie von oben bis unten und wieder zurück. »Nettes Outfit. Haben Sie heute noch etwas vor?«

»Für meinen Kapitän bin ich ins Nachtleben eingetaucht. Noch einmal hätte ich ihm mit meinem Verdacht nicht kommen dürfen. Hier hat sich die Künstlerin vorbereitet?«

»Offenbar ja.«

Raja schnupperte. »Stimmt. Ich rieche ihr Parfüm. Und auf welchem Weg geht es von hier zum Saal?«

»Hier entlang. Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?«

»Bleiben Sie bitte etwas zurück. Ihr Rasierwasser irritiert mich.«

»Was hat mein Rasierwasser…?«

»Ich bin Tefroderin.«

»Und das heißt?«

»Ethnisch bedingte Hyperosmie. Ich habe eine extrem empfindliche Nase. Wohin führt diese Tür?«

»Zur Antigravzentrale, glaube ich«, half Willes aus.

»Können wir da rein?«

»Willes, machen Sie auf.« Der Wachmann öffnete mit seinem Code, Raja trat ein, die beiden anderen im Schlepp.

»Sie war in diesem Raum. Ich rieche es.«

»Warum sollte sie?«

»Weiß ich nicht. Oder doch. Wie ist ihre Harfe auf die Bühne gekommen?«

»Normalerweise wird so etwas mit einem Traktorstrahl gemacht.«

»Sie hat eine Abneigung gegen Traktorstrahlen. Sie behauptet, ihr Instrument werde davon beschädigt. Ich vermute, sie hat es von jemandem tragen lassen.«

»Willes, treiben Sie die Leute auf, die hier am Nachmittag die technische Leitung hatten. Und zwar flott.«

Während der Wachmann telefonierte, schilderte Raja die Vorgänge bei der Verladung der Harfe. Nach einer Weile brachte ein weiterer Posten zwei verschlafen wirkende Figuren, eine Frau und einen Mann. Sie wurden schlagartig wach, als sie da Argan erkannten. »Thantan! Ist etwas passiert?«

»Sie hatten Dienst, als diese Musikerin hier ihr Konzert gab. Ist Ihnen etwas Außergewöhnliches aufgefallen?«

»Erzähl du«, wandte der Mann sich an seine Kollegin. Jene schilderte eine Szene, die der beim Verladen auf Terra sehr ähnelte. Viola von Merz hatte darauf bestanden, dass ihr Instrument getragen wurde. Sie war in der Antigravzentrale gewesen, hatte unter Tränen dem technischen Team etwas vorgejammert und tatsächlich zwei Männer überredet, mit anzupacken. Wer konnte auch einer Elfe etwas abschlagen?

»Sie war also definitiv hier drin. Was würde passieren, wenn in diesem Raum eine Bombe explodierte?«

»Alle Antigravs würden ausfallen. Natürlich käme niemand zu Schaden, sämtliche Antigravschächte sind mit Fangnetzen ausgestattet.«

»Dann wäre ein Anschlag hier ziemlich sinnlos«, überlegte Raja. »Haben wir etwas übersehen?«

»Die Damokles-Installation«, stieß der technische Leiter erschrocken hervor.

»Die – was?«

»Dieser Monolith über dem Konferenzsaal. Ein Künstler hat diese Installation anlässlich der Abrüstungskonferenz entworfen, um die latente Gefahr eines Krieges zu symbolisieren. Der Monolith schwebt über dem Saal und wird nur von Antigravfeldern gehalten. Natürlich dreifach redundant abgesichert. Wenn ein Energiekreis ausfällt, springt sofort ein anderer ein. Aber im Falle einer Explosion hier würden alle Kreise ausfallen.«

»Wer denkt sich so einen Schwachsinn aus?«, schimpfte Raja. An jeder Verladestelle stand ›Nicht unter schwebende Lasten treten‹. Künstler! »Los, durchsuchen Sie den Raum.«

»Aber hier gibt es tausend Versteckmöglichkeiten. Hinter jeder Schalttafel, jeder Leitung…« Da Argan sah auf seine Uhr. »Es ist vier Uhr morgens. Und um sieben geht die Konferenz weiter. Das schaffen wir nicht.«

»Schon gut. Alles was stinkt, bitte raus. Vor allem Sie mit Ihrem Rasierwasser und Sie mit Ihrer Zwiebelfahne. Entschuldigung, das ist keineswegs persönlich gemeint.«

Da Argan winkte den Leuten, den Raum zu verlassen und folgte ihnen als letzter. Raja konzentrierte sich auf ihren Geruchssinn und schritt die Schaltanlagen ab. Viola hatte die Bombe in der Hand gehabt. Sie musste nach ihr riechen. Und sie roch nach ihr. Sie klebte unauffällig hinter einem Verteiler. »Kommen Sie wieder rein, ich hab sie.«

Da Argan betrachtete den Metallzylinder, der aussah, als sei er ein harmloser Teil der Technik in diesem Raum. »Geschickt gemacht. Da muss jemand aus dem Andromedanebel kommen, um so eine Höllenmaschine zu finden.« Er grinste dünn. »Sogar im passenden Anzug.«

»Ob Sie nun das rote oder das blaue Kabel durchschneiden, muss ich Ihnen überlassen. Davon verstehe ich nichts.«

»Diese Bombe hat keine Kabel.«

»War’n Witz.«

*

Wie die Untersuchung ergab, wäre die Bombe kurz nach dem Start der SUNSPOT hochgegangen. Da Argan ordnete an, das Schiff festzuhalten und Viola von Merz zu verhaften. Als der Start sich verzögerte und die Explosion ausblieb, musste sie begriffen haben, dass sie verloren hatte; sie entzog sich der Festnahme und dem Verhör, indem sie sich an ihrem blauen Seidengürtel erhängte. Dadurch konnte sie die Hinterleute des geplanten Anschlags leider nicht mehr verraten. In grimmiger Pietätlosigkeit ließ Thantan da Argan sowohl den Blechsarg als auch die sichergestellte Harfe mittels Traktorstrahl von Bord schaffen.

Perry Rhodan meldete sich höchstselbst über Funk und gratulierte dem Kommandanten zur Aufmerksamkeit seines Besatzungsmitglieds Raja Travion, ohne die es wohl zu einer Katastrophe gekommen wäre. Was Raja durchaus mit einer gewissen Genugtuung erfüllte, obwohl sie wegen der zeitlichen Enge auf einen persönlichen Händedruck des Unsterblichen verzichten musste.

Die SUNSPOT startete mit nur zwei Stunden Verspätung.

»Und wie hast du die Bombe schließlich gefunden?«, erkundigte sich Loup neugierig.

»Frühlingsblume mit acht Buchstaben«, sagte Raja.

ENDE

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