»60 Fans« von Daniela Hesse

Die RAS TSCHUBAI war auf dem Rückweg nach Terra. Alles war ruhig.

Perry Rhodan nutze die Zeit für einen Spaziergang in Ogygia, als plötzlich eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von 60 Leuten auf dem Weg vor ihm materialisierte.

Offensichtlich alles Terraner, sehr altmodisch gekleidet und sich sehr erstaunt umsehend.

Die Gruppe war einen Moment stumm, dann redeten alle durcheinander:
-„Es hat tatsächlich geklappt!“
-„Wahnsinn!“
-„Ich kann es gar nicht glauben!“
-„Ist das wirklich die RAS TSCHUBAI?!“
-„Wir sind hier!“
-„Wie hat er das gemacht?“…

Perry Rhodan blieb verdattert stehen und hörte verblüfft zu. Wovon redeten die Leute, woher kamen die so plötzlich, warum sprach keiner Interkosmo und warum um alles in der Welt schlug ANANSI nicht Alarm?

Offensichtlich sah die Semitronik die Gruppe als harmlos an und hatte nur begonnen, ihm durch ein Akustikfeld die Übersetzung des Stimmengewirrs zuzuflüstern. Eine Erklärung für das unvermittelte Auftauchen der seltsamen Gruppe bot ANANSI nicht an, schien den Vorfall auch nicht als ungewöhnlich einzustufen, denn sie äußerte sich gar nicht dazu.

Das jedoch machte alles noch mysteriöser.

Zumindest waren keine Waffen zu sehen, auch wenn einige Mitglieder der Gruppe etwas zu suchen schienen.
-„Sie sind weg!“
-„Warum sind
wir hier und die Hefte nicht…?“
-„Ich hatte sie doch in der Tasche…“

Perry überwand seine Überraschung und entschied, dass es Zeit für eine Erklärung wäre.

Entschlossen ging er auf die Gruppe zu und sprach sie an.

Wer seid ihr, wo kommt ihr so plötzlich her?“

Alle verstummten jäh und sahen ihm fassungslos entgegen.

Jemand flüsterte: „Er ist wirklich Perry Rhodan!“

Einer aus der Gruppe fasste sich ein Herz, trat zu Perry und erklärte: „Sie müss… äh du musst Perry Rhodan sein. Ich bin ein großer Fan von dir.“

Wir sind alle Fans!“, rief die gesamte Gruppe dazwischen.

Wieso Fans und von wem?“, fragte Perry irritiert.

Na, von der Serie, die seit 60 Jahren über dich geschrieben wird“, sagte der erste Fan als wäre das völlig selbstverständlich. „Und weil die Serie im September 2021 60 Jahre alt wird, gibt es dazu von und für die Fans verschiedene Sonderaktionen, um dieses Jubiläum gebührend zu feiern. Keine andere Serie läuft so lang ohne Unterbrechung!“ Er strahlte Perry an, als wäre das sein persönliches Verdienst.

Dann erläuterte er dem staunenden Perry Rhodan, dass die fantastischste Geburtstagsaktion für eine gut gemischte Gruppe von genau 60 Fans die Möglichkeit bot, in die Serie hineingeschrieben zu werden.

Von einem speziellen Autor, von dem man zwar noch nie etwas gehört hatte, der aber glaubhaft versicherte, das sehr realistisch bewerkstelligen zu können!

Sie hatten sich mit dem Autor getroffen, um, wie sie meinten, mit ihm über die Figuren zu sprechen, die ihre Namen tragen sollten. Doch es stellte sich heraus, dass sie richtig und leibhaftig in die Serie hinein sollten. Niemand glaubte daran, aber alle wollten es ausprobieren. Und jetzt waren sie eben hier!

Woher kommt ihr noch mal?“, fragte Perry, der diese Geschichte eigentlich nicht glaubte, aber beschlossen hatte, das seltsame Spiel mitzuspielen.

Wir kommen aus der realen Welt, in der wir jede Woche die Hefte über dich und die anderen lesen. Wir sind auch nur für 60 Stunden hier. Wobei…, keiner hat gefragt, ob es 60 Stunden unserer oder eurer Zeit sind. Zu dumm. Aber jedenfalls sollen wir nach Ablauf der Frist wieder herausgeschrieben werden. Irgendwie.“

Herausgeschrieben?“

Ja, wir wurden alle in die Serie hineingeschrieben, sagte ich doch, damit wir dir und allen anderen zum 60. Seriengeburtstag gratulieren können!“

Perrys großer Fan wunderte sich allmählich, dass der angebliche Sofortumschalter es anscheinend immer noch nicht begriffen hatte und erklärte noch mal ganz ausführlich, dass Perry Rhodan die namensgebende Hauptfigur einer seit sechzig Jahren wöchentlich erscheinenden Heftromanserie sei, im übrigen die Lieblingsserie aller Gruppenmitglieder. Und ob Perry sich nie gewundert hätte, warum ausgerechnet er und seine Freunde etwas so Unglaubwürdiges wie die Zellaktivatorchips hätten, die allein die lange Serienlaufzeit ermöglichen würden. Und warum immer Perry und sein Umfeld die seltsamsten Abenteuer erleben und die größten kosmischen Gefahren abwehren müssten?

Einige von uns lesen die Hefte von Anfang an und träumen seit 60 Jahren davon, dich persönlich zu treffen, obwohl du nur eine ausgedachte Figur bist.“

Das kann gar nicht sein!“, empörte sich Perry. „Ich erlebe auch nicht ständig Abenteuer, sondern lebe die meiste Zeit ruhig und zurückgezogen.“

Ja, sicher. Aber davon lesen wir nie etwas, wir sind immer nur dabei, wenn etwas Spannendes geschieht“, schaltete sich eine junge Frau ein, die ganze Gruppe war inzwischen zutraulich näher gekommen. „Deshalb haben wir auch gerade diese Zeit für unseren Besuch ausgewählt. Im Moment scheint alles ruhig zu sein und wir wollten deinen Alltag kennenlernen, nicht in irgendwelche Abenteuer geraten.“

Wir können zwar jederzeit wieder herausgeschrieben werden“, warf ein weiteres Gruppenmitglied ein, „aber vielleicht nicht schnell genug, bevor es brenzlig wird.“

Perry war immer noch verwirrt, aber bevor er antworten konnte, meldete sich die Zentrale, seine Anwesenheit wäre dringend und umgehend erforderlich, es hätten sich einige massive Schwierigkeiten ergeben.

Sofort machte Perry sich auf den Weg, dicht gefolgt von der Fangruppe, die sich nicht abhängen oder vertreiben ließ und Perry hinterherlief wie eine aufdringliche Kükenschar.

Am Eingang zur Zentrale drehte Perry sich um und erklärte, die Gruppe müsste draußen bleiben, hier hätten nur autorisierte Personen Zutritt.

Dann verschwand er in der Zentrale, hörte, wie sich das Schott hinter ihm schloss und ließ sich erleichtert in seinen Kontursessel fallen. Er wollte gerade den Lagebericht abfragen, als das Schott erneut aufglitt. Ungläubig beobachtete er, wie die Fangruppe mit der größten Selbstverständlichkeit in die Zentrale quoll und sich überall interessiert umsah.

Fassungslos fragte Rhodan: „ANANSI, wie kommen die hier herein, warum gibt es keinen Alarm?“
ANANSI antwortete gleichgültig: „Sie sind alle autorisiert, weshalb sollte es Alarm geben?“

Autorisiert? 60 fremde Personen, die erst vor einer Viertelstunde überhaupt aus dem Nichts auf der RAS aufgetaucht sind? Wie können die für irgendetwas autorisiert sein?“
„Gemäß meiner Speichereinträge sind sie autorisiert, sich überall im Schiff frei zu bewegen. Außerdem ist das nebensächlich, denn das Sol-System ist abgeschirmt und vor uns steht eine fremde Raumflotte, die sehr unfreundlich wirkt.“

Perry erstarrte.

Und noch ehe er etwas sagen konnte, griffen die fremden Raumschiffe an. Die RAS TSCHUBAI fand sich übergangslos mitten in einer Raumschlacht wieder.

Sogar für die RAS und ihre zahlreichen Beiboote waren es zu viele gegnerische Schiffe, deshalb befahl Perry Rhodan zunächst den Rückzug, um später aus einem sicheren Versteck heraus die Lage zu sondieren.

Soweit war es für die Besatzungsmitglieder der RAS TSCHUBAI eigentlich schon Routine. Irgendwie gerieten sie doch immer und überall unversehens in Schwierigkeiten. Das Ungewöhnliche diesmal waren nur die 60 kopflos durch den Kugelraumer irrenden Fans, die beim ersten Anzeichen von Gefahr fluchtartig die Zentrale verlassen hatten.

Jetzt suchten sie fieberhaft überall nach einer Möglichkeit, den mysteriösen Autor zu kontaktieren, denn nun wurde es ihnen doch zu brenzlig und sie wollten so schnell wie möglich wieder raus. Erfahrungsgemäß würde auf die derzeitige „Anfangsschwierigkeit“ eine mehr oder weniger lange Phase folgen, in der die immer zahlreicher auftauchenden Gefahren für namenlose Figuren wie sie mit einiger Wahrscheinlichkeit tödlich waren.

Zur ihrem großen Entsetzen tat sich nirgends der eigentlich versprochene Ausgang auf, auch nicht als sich alle zufällig wieder in Ogygia an der Stelle zusammenfanden, an der sie vorhin aufgetaucht waren.

Ihr Entsetzen steigerte sich noch, als plötzlich am künstlichen Himmel eine Nachricht für sie aufflammte.

Fassungslos mussten sie erkennen, dass der Autor nicht im Mindesten plante, sie je wieder aus ihrer misslichen Lage zu befreien und sie aus reiner Bösartigkeit für immer und auf Gedeih und Verderb in die Serie geschrieben hatte! Aber keine Sorge, sie könnten sich überall auf dem Schiff nützlich machen (oder sich als zusätzliche Gefahr entpuppen und das Schiff in den Untergang reißen), denn er hätte sie mit umfassenden Berechtigungen ausgestattet und nun könnten sie selbst entscheiden, was sie daraus machten.

Ein hässliches Lachen verfolgte die Gruppe bei der verzweifelten Suche nach einem anderen Ausweg noch eine ganze Weile quer durch das Schiff.

Das Letzte, was man von den 60 jetzt sehr unglücklichen Fans hörte, war ein vielstimmiger langgezogener Schrei, als sie die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage erkannten und namenlos für immer in den Tiefen der Serie verschwanden.

3 Gedanken zu „»60 Fans« von Daniela Hesse“

  1. Wie peinlich. 60 eingefleischte Fans, die die Serie eigentlich kennen sollten und wissen, dass irgendwann der einzahnige Retter des Universums auftaucht und die Lage klärt. Und da fällt ihnen nichts anderes ein, als in Panik zu geraten… Zur Zeit der christlichen Seefahrt hätte man gesagt: Landratten 🙂

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