»Der Flashback-Mutant« von Rous

Der Flashback-Mutant

Eine Text-Collage für
»60 JAHRE PERRY RHODAN TRIBUT«

 

Rous

 

PROC

»Perry Rhodan« ist urheberrechtlich und kennzeichenrechtlich geschütztes geistiges Eigentum der Pabel-Moewig Verlag KG oder anderer verbundener Unternehmen der Bauer Media Group.

Diese Text-Collage ist ein nicht-kommerzielles Fan-Projekt.

August 2021

 

Inhalt

Prolog

Sechzig Jahre, nachdem die letzte Invasion der Galaxis – nur die Älteren erinnern sich noch dunkel an das Joch der Mykologischen Despotie – abgewehrt worden war, taucht plötzlich aus dem Nichts eine noch ungeheuerlichere Gefahr auf.

Der Flashback-Mutant will die Macht in der Milchstraße an sich reißen und die Unsterblichen töten. Das haben zwar schon andere versucht, aber Averik-Pasik hat das Potential dazu und er ist unbeirrbar von sich und seiner Mission überzeugt.

Sein Motiv, soviel hat bereits die Psychologin Rosita herausgefunden, steckt tief in seinem Unterbewusstsein: Er neidet es den relativ unsterblichen Terranern, die 1960-er Jahre live miterlebt zu haben und sie nicht nur aus Trivid-Konserven zu löffeln.

Seine Parabegabung ist die schrecklichste, die in der bekannten Geschichte jemals aufgetreten ist: Er kann im Umkreis von 60 Lichtsekunden die Gehirne aller Lebewesen oberhalb des Regenwurm-Niveaus mit verdrängten Erinnerungen – also allem, was jemand jemals einmal gesehen, gehört, geschmeckt, gerochen, gefühlt oder gelesen hat – fluten, so dass sie völlig plemplem und handlungsunfähig werden. Keine bekannte Schutzschirmtechnik kann davor bewahren. Leider hilft – soweit bisher bekannt – nur der natürliche Gehirnabbau.

Und um die Quelle des ewigen Lebens endgültig versiegen zu lassen, hat er außerdem eine monströse Maschine konstruiert, die wie ein gewaltiger Staubsauger die Bahn des Kunstplaneten Wanderer entlangfährt und alles einsaugt, was ihr in den Weg kommt. Irgendwann ist auch Wanderer dran, wenn es nicht gelingt, sie zu stoppen oder die Verwirrung von ES vorher zu heilen.

*

Jetzt rüsten Perry Rhodan und Reginald Bull sich gerade, dieser tödlichen Gefahr entgegenzutreten.

Ganz klassisch haben sich unsere Guten in ihrem mutigen, aber verzweifelten Abwehrkampf dabei zu zwei Handlungsebenen verabredet: Während das Team um Perry Rhodan persönlich sich dem Flashback-Mutanten an die Fersen heften will und bereit ist, hart und nachhaltig zuzuschlagen, sobald er sich eine Blöße gibt, will das andere Team um den aufrechten und getreuen Reginald Bull versuchen, den monströsen galaktischen Staubsauger unschädlich zu machen.

Da erreicht sie aus einem nur 1012 Lichtjahre von der Erde entfernten Sonnensystem eine erschütternde Nachricht …

Das Grauen

Sieben Planeten umkreisten den Stern Nr. 221-Tatlira, 1012 Lichtjahre von der Erde entfernt.

Vor ziemlich genau sechzig Jahren hatten irdische Raumschiffe dieses System zum letztenmal angeflogen und die Eingeborenen der zweiten Welt – Goszuls Planet – aus der Gewalt der Galaktischen Händler befreit.

Niemand konnte wissen, ob heute – sechzig Jahre danach – Tatlira immer noch von seinen sieben Planeten umkreist wurde, oder ob irgendein kosmisches Ereignis auch die Bewohner dieses Sonnensystems aus der bestehenden Existenzebene hinweggefegt hatte.

Die Unterlagen über Tatlira lagen auf dem Navigationstisch des Superschlachtschiffes KUBLAI KHAN, dicht vor den Kontrollen des kleinen Positroniksystems, das die Daten der Hypersprünge zu errechnen hatte. Davor saß ein Mann.

Er trug die zartgrüne Uniform des Solaren Imperiums mit den Rangabzeichen eines Obersten. Die eingestickten Goldzeichen auf seiner Brust wiesen ihn als Kommandanten des Schiffes aus, das mit seinen anderthalb Kilometern Durchmesser zu den gewaltigen Einheiten der Imperium-Klasse gehörte.

Der Computer summte leise. Der letzte Sprung zu dem fast vergessenen System stand kurz bevor. In zehn Minuten war es soweit; dann würde sich herausstellen, ob eine alte Geschichte immer ihren wahren Kern besaß.

Kommandant Oberst Marcus Everson konnte sich noch zu gut an jene Stunde erinnern, in der Perry Rhodan ihn zu sich rufen ließ. Der Administrator des Solaren Imperiums hatte tiefe Sorgenfalten auf der Stirn gehabt, und in seiner Stimme schwang ein wenig Hoffnungslosigkeit, als er sagte: »In einer schwierigen und fast aussichtslosen Situation soll man sich seiner Freunde erinnern, Oberst. Ich kenne ein Sonnensystem, in dem jemand darauf wartet, uns einen Gefallen tun zu können. Allerdings ist das nun schon sechs Jahrzehnte her …«

Oberst Everson hatte schwach gelächelt.

»Eine sehr lange Zeit, Sir. Ich weiß nicht, ob jemand die Geduld aufbringt, sechzig Jahre …«

*

Irgendwo in der Galaxis schreckte ein alter Mann aus einem Alptraum. Er versuchte, seinen Atem zu beruhigen, trank einen Schluck Wasser und sprach dann zu sich selbst:

»Ja, in der Tat. Sechzig Jahre des Friedens. Ich war mittlerweile zum dritten Mal verheiratet, Großvater … und dann kam der Kritzelwahn.«

*

Rhodan war gerade dabei, seine Reisetasche zu packen, als sein Armband-Telekom summte.

»Oberst Everson spricht, Sir. Ich bin wie befohlen, in das bewusste Sonnensystem geflogen. Als wir uns Goszuls Planet näherten, fing die Funkzentrale einige Sprüche auf, die uns seltsam vorkamen. Wir sind dann in der Nähe des kleinen irdischen Stützpunkts gelandet, um nach dem Rechten zu sehen.«

Er unterbrach sich, schluckte schwer und und fuhr fort.

»Es war grauenhaft, Sir. Selbst dem jüngsten Leutnant ist das Blut in den Adern gefroren.«

Er räusperte sich wieder.

»Ich habe einen Aufklärungszug der Raumlandetruppen losgeschickt. Harte Burschen, die so schnell nichts aus den Stiefeln haut. Sie haben bei der Rückkehr hemmungslos geweint.«

»Nun reden Sie schon, Oberst! Auf was für eine Teufelei sind Sie gestoßen?«

»Sir, alle, die wir antrafen, sind orientierungslos und mit dümmlichem Grinsen durch die Gegend gelaufen und haben nur noch Blödsinn geplappert. Aus niemandem war ein vernünftiger Satz herauszubringen. Das öffentliche Leben ist komplett zusammengebrochen. Es ist dringend Hilfe nötig.«

»Konnten Sie etwas über die Ursache herausfinden?« fragte Rhodan, obwohl er insgeheim schon die Antwort ahnte.

»Ja. Im Tagebuch des Stützpunkts finden sich wenige Tage alte Eintragungen, die darauf hindeuten, dass immer mehr Bewohner plötzlich nur noch Erinnerungen an eine jahrelang täglich ausgestrahlte TV-Soap hatten und nur noch Dialoge daraus von sich gaben. Die Aufklärer bekamen auf ihre Fragen nur Sätze zu hören wie ›Nett, Dich zu treffen.‹, ›Wo warst du letzte Nacht?‹, ›So kann das nicht weitergehen mir uns.‹, ›Es ist schon komisch, wie man jeden Tag jemanden sieht, und doch nicht nicht wirklich sieht. Du verstehst!?‹, ›Ich hätte wissen sollen, dass ich dich bei ihr finden würde.‹ oder ›Ich verstehe. Jetzt ist alles klar.‹. Ein Irrenhaus, Sir!«

Rhodan nickte schwer.

»Das ist das Werk des Flashback-Mutanten, Oberst. Er wird immer stärker. Die Erde ist in direkter Gefahr.«

Die Rätsel der Vergangenheit

Als das Gespräch mit Oberst Everson beendet war, alarmierte Rhodan den Krisenstab und ordnete humanitäre Hilfe für Goszuls Planet an.

Dann hielt er kurz inne.

Es war so vieles, was Perry Rhodan in diesen Tagen beschäftigte.

Im Simban-Sektor war nur das Medoschiff MUTTER zurückgeblieben – mit Alaska Saedelaere und Siela Correl an Bord. Die anderen ehemaligen Aktivatorträger hatten sich teils verstreut, teils nach Terra begeben.

Alles, was sie taten, zielte darauf ab, dem Rätsel um ES endlich auf die Spur zu kommen. Aber wo lag der Ansatz? In der Vergangenheit?

Denn Zeit schien eine entscheidende Größe in diesem Spiel zu sein. Hatte nicht ES vor kurzem festgestellt, die 20000 Jahre Frist der Menschen seien schon vergangen? Und nun der neuerliche Irrtum, denn in den letzten zwei Jahren waren für die Superintelligenz offenbar deren zwanzig vergangen.

Sie hatten eine Zelldusche lang Gelegenheit, den Irrtum aufzuklären. Sechzig Jahre. Vielleicht blieben unter diesen Umständen nur sechs davon übrig.

Aber was half alles Grübeln, jetzt war Zeit zum Handeln! Er ordnete Startbereitschaft für die RAS TSCHUBAI an und machte sich auf den Weg, nicht ahnend, dass er in seinem Rücken auf Terra eine Fünfte Kolonne zurückließ …

*

An einem geheimen Ort auf Terra wurden finstere Pläne geschmiedet, um die Bemühungen Rhodans und seiner Getreuen zu sabotieren. Gaylord Exepuis, ein Mitglied der Gruppe Oktober ’69, befragte einen Mitverschwörer.

»Wie geht unser Mann vor?«

»Er versucht, die Syntrons zu sabotieren. Er muß verhindern, daß die Spur Wanderers und der Superintelligenz gefunden wird. Das ist alles.«

Gaylord war ein klein wenig beruhigt, dennoch nagten weiter die Zweifel in ihm. »Wenn Kantor mit seinem Team keinen Erfolg hat, wird an anderer Stelle weitergearbeitet, mit anderen Menschen. Soll unser Mann sechzig Jahre lang unerkannt im Untergrund wühlen? Das ist unmöglich!«

Wäre es nach Sar-Teh gegangen, so hätte es für die nächsten fünfzig bis sechzig Jahre dabei bleiben können.

»Ruhig Blut, Gaylord, wir sind auf gutem Weg! Nach dem nächsten Viererblock wissen wir mehr.«

Das Workaholiker-Team

Eine Woche vorher war das Leben auf Terra äußerlich noch unbeschwert gewesen. Aber erfahrende Männer spürten, dass sich etwas zusammenbraute.

Schon zu Beginn des Wochenendes hatte Bully ein ungutes Gefühl gehabt. Das lag durchaus nicht daran, daß sich seine alte Freundin Mabel Dorr für zwei Tage bei ihm einquartiert hatte. Mabel, mit der er vor vier Jahrzehnten beinahe verlobt gewesen wäre, war inzwischen sechzig Jahre alt geworden. Bully hingehen war dank des Zellaktivators nicht gealtert. Das war auch einer der Gründe gewesen, warum sie niemals geheiratet hatten.

Damit also hatte das ungute Gefühl Bullys nichts zu tun. Er konnte in seinem Bungalow soviel Damen beherbergen wie er wollte; niemand kümmerte sich darum. Nicht einmal sein unmittelbarer Nachbar Gucky, der Mausbiber, der mit seiner Gattin Iltu und Sohn Jumpy einen Ausflug per Segelboot unternahm und an diesem Sonntagmittag nicht zu Hause war.

Gucky!

Bully drückte sich an Mabel vorbei, die bequem in einer breiten Liege auf der Terrasse faulenzte und auf die leicht gekräuselte Fläche des Goshunsees hinausblinzelte.

»Wo willst du hin?«

»Ich muß nur mal eben…«

»Ach so«, murmelte Mabel, wieder halb eingeschlafen.

Bully war froh, daß sie das Falsche erraten hatte. Hastig eilte er zur Hausbar und nahm die Flasche mit dem echten Whisky aus dem Spezialversteck. Nach einem kräftigen Schluck glaubte er, wieder folgerichtiger denken zu können.

Da war doch was mit Gucky gewesen?

*

Aber das Wochenende verging, ohne dass es Bull wieder einfiel, und am nächsten hatte er schon wieder andere Sorgen, äh, anderen Besuch.

*

Fran Imith hob das Weinglas. Sie blickte zuerst auf die honigfarbene Flüssigkeit, dann in die Augen ihres Bräutigams.

Einen Lidschlag bevor sich die beiden Gläser berührten, piepte Bullys Armband.

Fran stellte ihr Getränk wieder ab. »Nimm schon an«, sagte sie. »Das ist mit Sicherheit wichtiger.«

»Wichtiger als eine sechzig Jahre alte, im Handgepäck an Bord geschmuggelte Trockenbeerenauslese?«, spielte Bull den Entrüsteten. »Pratton Allgame hätte dich eine hoffnungslose Banausin geschimpft!«

Er betätigte einen Sensor am Armband.

»Ja?«, sprach er leise in das Akustikfeld, das sich vor seinem Mund aufgebaut hatte; ein zweites schmiegte sich um sein Ohr. Fran konnte nur undefinierbares Wispern vernehmen.

»Keine Sorge, ich bin immer im Dienst.«

Er feixte Fran zu. Sie lächelte aufmunternd und zugleich beruhigend.

Das war nicht gespielt. Sie hatte gewusst, auf wen – und auf was – sie sich einließ. Für eine Zeit lang, während ihres Mars-Abenteuers, waren Bull und sie sogar übereingekommen, ihre starke gegenseitige Zuneigung mit Gewalt zu unterdrücken. Einen Schlussstrich zu ziehen, bevor noch mehr Schaden angerichtet wurde. Zwei Menschen wie sie – ein biologisch Unsterblicher, der ständig in galaktische, ja kosmische Probleme verwickelt wurde, und eine notorische Workaholikerin, für die Begriffe wie »Arbeit« und »Freizeit« schlichtweg keinen Sinn ergaben – zwei derart Getriebene sollten an eine fixe Beziehung nicht einmal im Traum denken. Das hatten sie sich eingeredet, jeder für sich, und gemeinsam gegen alle Gefühle, doch waren sie in diesem Fall nur mäßig erfolgreich gewesen.

Denn ihre Liebe war stärker gewesen. Und sie würde stärker sein, komme, was wolle.

*

Es klingelte. Bull ging zur Tür und öffnete. Draußen standen zwei ernst blickende Männer in Fliegerkombis. Bull nickte und rief über eine Schulter hinweg: »Ich bin dann mal weg, Fran. Die Pflicht ruft!«

*

Bull hatte den Eindruck, eine völlig fremde Stadt zu durchqueren, obwohl er seit Jahrhunderten in Terrania zu Hause war. Er beobachtete Narwonwor, den bärtigen, kleinen Wissenschaftler, der schräg neben ihm flog. Narwonwor war sechzig Jahre alt. Seine Haare und seine Augen waren schwarz. Er hatte ein paar Tage nichts gegen seine Bartstoppeln getan, was zur Folge hatte, daß sein Gesicht schmutzig aussah.

»Mein Team und ich haben in den letzten Tagen eine neue Arbeitshypothese entwickelt, die wir testen wollen. Dafür brauchen wir einen relativ Unsterblichen vor Ort.«

»Und wo ist dieser Ort?«, erkundigte sich Bull.

»Das wissen wir nicht so genau. Aber wir hoffen, dass Sie so eine Art Kompass sind, der uns die richtige Richtung weist.«

Am Raumhafen ›Point Surfat‹ von Terrania wartete ein altes Robotschiff mit Transitionsantrieb auf sie. Bull musterte es misstrauisch, stieg dann aber seufzend ein.

Auf dem Weg zu seiner Kabine knatterte es in den Lautsprechern und der Käpt’n meldete sich. »Wir haben Startfreigabe. Die Flugzeit beträgt dreieinhalb Tage, die Temperatur an unserem Zielort beträgt etwa -270° Celsius, Hyperstürme sind in dieser Jahreszeit nicht zu erwarten. Bitte begeben sie sich jetzt in Ihre Kabinen und genießen sie den Flug.«

*

Bull kam am nächsten Morgen pfeifend aus der Bordkantine. Der Gang dorthin hatte sich gelohnt. Als er nämlich die zugehörige Vorratskammer inspizierte, staunte er nicht schlecht – er fand mehrere Flaschen über sechzig Jahre alten Whiskys.

Ein älteres Paar kam ihm entgegen. Die Frau hatte sich bei dem Mann untergehakt und machte ein strenges Gesicht. Sie schien ihn mehr zu führen, als er sie. Im Vorbeigehen schaute sie Bull misstrauisch an, als verbinde sie eine vage, unangenehme Erinnerung mit ihm. Bull hütete sich, etwas anderes von sich zu geben als ein knappes »Moin!«

Wahrscheinlich erinnerte sie sich nicht mehr daran. Sechzig Jahre seitdem waren eine lange Zeit. Er selbst hatte Nelson und Mabel auch schon seit einer halben Ewigkeit vergessen, nun war die Erinnerung wieder da. Und Agostina und er weilten tatsächlich in der Milchstraße. Als hätte alles so sein müssen …

Als sie um eine Ecke des Ganges verschwunden waren, murmelte Bull »Wenn die an Bord sind, hat HGE bestimmt was stasismäßiges vorbereitet. Vielleicht haben wir ja doch mehr als sechzig Jahre…«

*

Nach einem wegen der ungewohnten Transitionen etwas strapaziösen, aber sonst ereignislosen Flug fanden sie sich in einer ziemlich öden Gegend zwischen zwei Milchstraßenarmen wieder.

So war es auch damals gewesen, als Rhodan zum erstenmal den Planeten des ewigen Lebens aufgesucht hatte, um die Zelldusche zu erhalten, die seinen Alterungsprozeß für die nächsten sechs Jahrzehnte aufhielt. Nichts hatte darauf hingewiesen, daß in unmittelbarer Nähe ein künstlicher Planet seine Bahn zog, auf dem ES lebte. ES, dessen Spur durch Zeit und Raum Rhodan gefolgt war, um das Geheimnis der Unsterblichkeit zu finden. Nun, das Geheimnis selbst war ein solches geblieben, aber es hatte ihm das Geschenk der Lebensverlängerung gegeben, weil er alle Rätsel gelöst hatte. Auch Bully wurde davon betroffen, und er war somit wenigstens für die kommenden sechzig Jahre die Sorgen los, wie er ein Weißwerden seiner herrlich roten Haarborsten vermeiden könnte.

Bull schüttelte die Erinnerungen ab und blinzelte in die nach arkonidischen Verhältnissen geregelte grelle Beleuchtung. Dann machten sie sich auf die Suche nach dem Staubsauger.

Es ist kompliziert

Unterdessen trommelten die unerbittlichen Verfolger des Flashback-Mutanten an Bord der RAS TSCHUBAI zum Kriegsrat. Rhodan kam in den Konferenzraum und musterte die bereits Anwesenden.

Perry Rhodan räusperte sich, als Acaranda Berzy hinter ihm auftauchte. Die Frau verhielt sich dezent und schweigsam. Sie wirkte auf Rhodan, als sei sie gar nicht vorhanden.

Acaranda Berzy war durchaus attraktiv, schlank, vielleicht zu schlank und etwas zu groß für das Dafürhalten Rhodans.

Insgesamt stellte sie aber eine sympathische Erscheinung dar, die etwa wie eine Dreißigjährige wirkte, sicher aber über sechzig Jahre alt war.

Die Blicke Rhodans trafen sich mit denen von Sedge Midmays. Dann warfen sich die beiden Mediziner einen kurzen Blick zu. Es herrschte kurzzeitig Unsicherheit auf beiden Seiten. Die Stimmung war nun einmal gereizt.

Dann erhob sich der Sitzungsleiter.

Verion Jarrin verneigte sich. Anschließend hob er den rechten Arm und deutete mit gespreizten Fingern nach oben. »Die Diskussion ist eröffnet. Nennt eure Argumente!«

Wie erwartet ergriff der Schreivogel von vorhin als Erster das Wort. Er hielt eine flammende Rede auf sein Volk, lobte und pries dessen Verdienste und die gesicherten Verhältnisse, die es sich innerhalb der letzten sechzig Jahre mühevoll erarbeitet hatte.

Dann gab Avan Tacrol seine Lagebeurteilung ab.

»Avan!«, fuhr Luto Faonad auf. »Bildest du dir ein, mit lächerlichen sechzig Jahren die Sachlage besser beurteilen zu können als Icho Tolot? Ich finde dein Verhalten unerträglich.«

»Darüber denke ich anders, mein Elter.«

»Gut gebrüllt, Löwe«, schnurrte Fessen-Kon-H’ay und legte die Ohrmuscheln nach hinten.

Fessen-Kon-H’ay war bereits sechzig Jahre alt und hatte ein graues Fell. Er galt als Zyniker, der durch nichts zu beeindrucken war.

Die nächste, die sich zu Wort meldete, war Iliam Tamsun, die Pilotin.

Iliams blütenweißes Kraushaar war eine Folgeerscheinung des Zeitverschiebungs-Schocks im Stasis-Feld. Sie war kürzlich sechzig Jahre alt geworden. Nach den Richtlinien der hohen Lebenserwartung war sie eine noch junge Terranerin.

»Wir sollten die RAS TSCHUBAI auf sicherem Abstand halten und Averik-Pasik mit Nadelstich-Angriffen ablenken und versuchen, mit einer Bastelei von Gholdorodyn in die Yacht zu kommen.«

»Durchgreifen!« polterte Elias Jakob Bangon, eine stattliche, großgewachsene Erscheinung mit wallendem grauen Haar, kantigem Schädel und markanten Gesichtszügen. »Ganz einfach härter durchgreifen!« »Aber, aber, alter Knabe«, sagte sein Gegenüber Efrem Dancor, laut Bildunterschrift 75 Jahre alt und damit genau sechzig Jahre jünger als Bangon. Er hatte ein fettes, rosiges Gesicht, ganz bestimmt nicht sein Idealgewicht, und in seinen Schweinsäuglein funkelte der Schalk. »Bei diesen Parolen könnte man dich ja glatt für einen Flottenadmiral halten.«

»Entschuldige bitte, ich bin Flottenadmiral!« rief Bangon recht erbost.

Perry Rhodan versuchte, zu moderieren.

»Was tun wir? Haben wir Optionen?«

Erneut meldete Sichu Dorksteiger sich zu Wort. »Außer hierzubleiben und Avestry-Pasik zu verfolgen? Der Dilatationsflug käme in Frage. Vereinfacht müssten wir rund zehn Millionen Lichtjahre von der Milchstraße wegfliegen, und dann zehn Millionen Lichtjahre zurück. Mit einer sehr knappen Unterlichtgeschwindigkeit von …«

»99,99999999339 Prozent, für Spurdenker«, unterbrach Gholdorodyn, als hätte er erwartet, dass Sichu die Zahl länger ausdrücken würde.

»Danke, Gholdorodyn. Mit eben dieser Geschwindigkeit vergehen für einen Beobachter etwa 20 Millionen Jahre, während an Bord lediglich 230 Jahre Eigenzeit vergehen. Ein Klacks, sozusagen.«

»Es ginge auch schneller, oder?« Gucky wippte auf den Zehenspitzen als wollte er sich größer machen. »Schiebt vor der drei noch eine neun rein, und wir kommen auf sechzig Jahre.«

Gholdorodyn blickte den Mausbiber an, als habe der ihn persönlich beleidigt. »Spurdenker! Der von uns genannte Wert liegt an einer realistischen Grenze.«

»Hä?«

Rhodan konnte Gucky den verständnislosen Blick nachfühlen. »Die Masse, Kleiner. Die relative Masse der RAS TSCHUBAI steigt schon beim ersten Wert auf über 800.000 Milliarden Tonnen – und die wollen bewegt werden, angewandte Hyperphysik hin oder her.«

»8,32 mal zehn hoch vierzehn«, half Gholdorodyn aus. »An mathematischen Ungenauigkeiten könnten Universen zugrunde gehen.«

*

Zum Glück entschieden sie sich für eine Verfolgung, sonst hätte diese Geschichte nochmal um sechzig Jahre verschoben werden müssen. Der Halbraumspürer funktionierte ausnahmsweise mal wieder tadellos und nach dem nächsten Eintauchen in den Normalraum schickte Rhodan einen Lightning-Jet zur Erkundung los, da er dem Wild nicht mit der gewaltigen RAS TSCHUBAI auf die Pelle rücken wollte.

Dann hieß es Warten. Aber als alter Soldat war er das gewohnt.

Die Tür öffnete sich. Ein Offizier in der Uniform eines Majors trat ein, erblickte Rhodan und erstattete Meldung. Er tat es ein wenig lässig, aber doch voller Respekt. Sein zerfurchtes Gesicht ließ keine Rückschlüsse auf sein wirkliches Alter zu, aber die stark ergrauten Haare ließen darauf schließen, daß er mindestens sechzig Jahre alt war.

»Vom Erkundungsflug zurück, Sir. Keine besonderen Vorkommnisse.«

*

Viele hundert Jahre vorher, im gleichen Raumsektor.

Im Schiff war der Teufel los!

Die EX-1972 flog mit Unterlichtgeschwindigkeit auf eine noch weit entfernte Sonne zu, die unter dem Namen Zeta Alpha in den Karten ohne nähere Angaben verzeichnet war. Der Stern war knapp ein Lichtjahr entfernt.

Major Brugner betrat die Kommandozentrale.

Er war sechzig Jahre alt und hatte seine Erfahrungen. Der Ausfall der positronischen Anlagen gefiel ihm ganz und gar nicht. Besonders die Luftanlage machte ihm Sorgen.

In wenigen Minuten war er mit der Überprüfung fertig. Einige kurze Gespräche mit den einzelnen wissenschaftlichen Abteilungen, über die jedes Explorerschiff verfügte, brachten ihm Gewißheit.

Sein Gesicht war ernst, als er es Durac zuwandte.

»Das sieht verdammt schlimm aus, Captain. Ein Magnetsturm, wenn mich nicht alles täuscht. Wenn wir in ein paar Stunden durch sind, passiert nicht viel, aber wenn er länger dauert…«

»Dann sollten wir zusehen, möglichst schnell hier wegzukommen«, schlug Durac vor.

Der Kommandant lächelte fast mitleidig.

»Sie sind noch nie in einen solchen kosmischen Sturm geraten, nehme ich an. Was glauben Sie, warum fast alle Instrumente ausgefallen sind, deren Funktion auf positronischer und überhaupt elektrischer Basis beruhen? Weil die kräftigen Magnetfelder, in die wir hineingerieten, die Energie abzapfen, darum! Also wird auch der Linearantrieb ausgefallen sein. Wir können froh sein, wenn wir im freien Fall weiterfliegen und so das Sturmgebiet verlassen können. Das kann Tage dauern, oder auch Wochen. Und das wäre fatal.«

»Wir sind demnach manövrierunfähig?«

»Ja, so könnte man es auch nennen.«

Aber es gab einen Hoffnungsschimmer. Und der war eine schwache gelbe Sonne, wenige Lichttage entfernt.

Der Kosmische Staubsauger

Bulls innerer Kompass hatte sie auf die Spur des riesigen Staubsaugers gesetzt, der unbeirrbar die Bahn des Kunstplaneten Wanderer abfuhr.

Als sie nach etlichen quälenden Transitionen auf sechzig Lichtminuten herangekommen waren, offenbarte sich im Panoramaschirm die ungeheure Größe dieses Vernichtungsinstrumentes des Flashback-Mutanten.

Im Inneren des Gebildes war gleißend heller Lichtschein zu sehen und es wurde umhüllt von zwei Dutzend verschiedenfarbener Sonnen, die zu einer gewaltigen Röhre angeordnet waren und erinnerte Bull damit an die scheußlichen Edelstein-Lampen der 1960-er Jahre, deren einziger Vorteil war, dass man bei ihrem trüben Schein auf Partys unbeobachtet fummeln konnte.

Bull stand neben dem Kommandosessel von Gilmore Yoost, der für diesen Job abkommandiert worden war.

Der fast zwei Meter große und recht bullig wirkende Raumfahrer war zur Zeit Kommandant eines Spezialschiffes, der Hanse-Kogge PENTELIKON, die ihren Namen nach einem terranischen Gebirgszug erhalten hatte. Yoost war erst sechzig Jahre alt, aber er besaß die Erfahrung eines Hundertfünfzigjährigen.

Narwonwor hatte sich zu den beiden gesellt und erklärte: »Wir stellen uns das folgendermaßen vor: Die Sonnen liefern Energie für den Saugstrahl, den Zerstrahlungskonverter im Inneren, den Antrieb und die Schutzschirme. Am vorderen Ende wird jegliche Materie angesaugt, im Konverter zerstrahlt. im nachgelagerten Kondensator wieder zu fester Materie verpresst und ausgestoßen. Die Brocken, die wir auf der zurückgelegten Bahn orten, sind praktisch die gefüllten Staubbeutel.«

Bull knurrte. »Und ihr habt eine Idee, wie wir das Ding knacken könnten?«

Narwonwor nickte. »Theoretisch ja. Durch den Saugrüssel wird Materie beschleunigt und damit durch Reibung statisch aufgeladen. Wenn es uns gelänge, eine Staubexplosion im Inneren auszulösen, könnte durch den dabei entstehenden Unterdruck das ganze Gebilde implodieren. Vielleicht ist die Implosion sogar so stark, dass ein Aufriss in der Raum-Zeit entsteht und das Ganze in die Hölle saust. Ein anderer denkbarer Weg wäre, dem Ding das Hinterteil zu verstopfen, so dass es eine Kolik kriegt und es das Ganze irgendwann durch den wachsenden Druck auseinanderreißt.«

»Und nun wollt ihr eure Theorien praktisch erproben?«

Narwonwor schluckte. »Ja, praktisch. Das heißt, praktisch sind wir tot.«

Agenten im Einsatz

Der Flashback-Mutant hatte sich mit seiner schnittigen Raumyacht hoffnungslos in eine Sackgasse im Kohlensack verfranzt. Offenbar hatte er das Update-Betteln seiner Navi-Software sträflich ignoriert.

Er saß zwar nun in der Falle, aber die mit allem High Tech ausgestattete Yacht war sicher nur schwer zu knacken. Da waren nicht nur Muskeln, sondern auch Grips gefragt.

Unverzüglich ging man daher an Bord der RAS TSCHUBAI daran, ein schlagkräftiges Einsatz-Team zusammenzustellen.

*

Rhodan rief Mondra Diamond über Visiphon an. »Mondra, Liebes. Da ich hier in der Zentrale momentan nicht abkömmlich bin: Würdest du ein Einsatz-Team zum Entern der Yacht zusammenstellen und führen? Projekt ›Flashback Down‹ hat grünes Licht.«

»Und wieso gerade jetzt, Perry? Du hattest doch sechzig Jahre Zeit, mir von dem Projekt zu erzählen.«

Perry hielt an. Er lächelte verlegen. »Sagen wir, irgendwie hat sich nie die passende Gelegenheit ergeben.«

Einen Augenblick lang spielte sie mit dem Gedanken, zu ihm zu gehen, ihn in seinem Büro aufzusuchen, sich an ihn zu lehnen.

Ich habe Angst, Perry, wollte sie sagen. Ich bin mittlerweile weit über sechzig Jahre alt und sehe aus wie dreißig. Fühle mich wie dreißig, habe den Körper einer Dreißigjährigen. Ich scheine nicht zu altern. Was ist los mit mir, Perry? Und … was ist aus uns beiden geworden?

Aber sie sagte nichts. Sie sah dem Holo nur in die Augen, und unvermittelt lief ihr ein Schauer über den Rücken. Perrys Augen kamen ihr viel zu dunkel vor, fast schwarz.

Schwarze Augen …

*

Mondra nickte aber nur stumm, schaltete ab und ging los.

Sie quatschte ohne viel Federlesens gleich den ersten an, der ihr über den Weg lief. »Sergeant Haicarter« stand über der Brusttasche seiner Arbeitskombi und er trug die melonengelben Farben der Aufklärungstruppe.

Haicarter machte ein Gesicht, als habe er in einen sauren Apfel gebissen. Er war immerhin schon sechzig Jahre im Dienst – und kannte die Methoden der USO und der SolAb. Er ahnte, was auf ihn zukam und wußte, daß er dieser Aufgabe nicht gewachsen war.

Aber ein Augenaufschlag von Mondra glättete seine Züge und er trottete mit.

Ihren nächsten Kandidaten traf sie im hyperphysikalischen Labor der RAS an.

»Bitte was?«

Martin Felten blickte sie an, als hätte sie ihm soeben eröffnet, dass er von ES einen Zellaktivator erhalten würde.

»Du wolltest einen Feldversuch, um deine Felten-Methode zu überprüfen und zu verfeinern. Nun bietet sich die Möglichkeit.«

»Aber Mondra«, sagte er. »Ich bin für solche Einsätze nicht ausgebildet. Ich bin … nur ein … ein Opa von einer unwichtigen Kolonialwelt.«

»Du bist noch jung und agil«, hielt ihm Mondra entgegen. »Du bist nicht einmal sechzig Jahre alt. Ich könnte dagegen deine Urgroßmutter sein.«

Er musste trotz der Ernsthaftigkeit grinsen. »Wenn dieser Vergleich nur mal nicht hinkt, Madame«, sagte er.

Aber dann packte er wortlos sein Bündel und kam mit.

Als nächstes brauchte sie einen Mann mit Durchblick: Lutz Bolkain.

Bolkain war sechzig Jahre alt und besaß einen wild wuchernden Schopf dunkelbraunen Haares. Seine braunen Augen verschwanden fast hinter den riesigen, dicken Linsen einer Spezialbrille.

Lutz war ein geradezu begnadeter Mikromechaniker. Er hatte in seinem Zimmer, das er Wohnraum zu nennen wagte, ein Lager von Einzelteilen, die so winzig waren, daß man ihnen keinerlei Funktionen mehr zutraute. Es waren die berühmten stecknadelkopfgroßen Schaltungen. Er baute extrem leistungsstarke Dinge, die man in Ringe einfassen konnte. Seine schlanken, nervösen Finger schafften dies mit Hilfe von scharfen Linsen, Übersetzungsmechaniken und Punktschweißanlagen. Die Probleme begannen bei Bruchteilen von Zehntelmillimetern.

»Lutz, das Einsatz-Team, das in die Yacht eindringen und Avestry-Pasik unschädlich machen soll, braucht etwas zur Ablenkung seiner Aufmerksamkeit. Wir wissen, dass er ein zwanghafter Uhren-Sammler ist. Also haben wir überlegt, ob wir dich nicht in der Maske eines herumreisenden Schwarzwälder Uhrenträgers einschleusen können – natürlich mit tickenden Sächelchen im Gepäck.« Sie kicherte und hielt ihm eine protzige Lexor-Armbanduhr hin.

Lutz hielt den Gegenstand mit der Innenfläche der Hand so dicht vor seinen Augen, daß sie fast an die Brille stieß.

Dann nahm er die Brille ab, klemmte sich eine dicke, blauschillernde Linse ins rechte Auge und betrachtete die Uhr lange von allen Seiten. Schließlich nahm er ein winziges Instrument, das er mit schlafwandlerischer Sicherheit von einer Magnetleiste herunterzog und öffnete die Rückseite.

Hier ist Raum genug, um eine Bombe zu verstecken“, sagte er und lachte.

Mondra schlich weiter durch die Gänge und Räume auf der Suche nach Opfern.

Ihr nächstes fand sie unter einem defekten Putzautomaten. Nur zwei lange dürre Beine ragten darunter hervor. Mondra zog daran und betrachtete aufmerksam den auftauchenden Rest. »Dr. James Tiberius Kirk«, dachte sie, »Oh, Gott!«.

Dr. Kirk mochte etwa sechzig Jahre alt sein, war fast zerbrechlich schlank und hatte schüttere, silbergraue Haare.

Sein Spezialgebiet war Paradox-Hochenergie-Trennmechanik, erinnerte sie sich. »Können wir wahrscheinlich gebrauchen, wenn jemand auf ihn aufpasst«, dachte Mondra.

Laut sagte sie »Dr. Kirk, wie lange brauchen sie für die Reparaturen?« – »Mindestens zwei Tage.« – »Ich gebe ihnen zwei Stunden.« – »Ich mach’s in einer…« – »Guter Mann! Melden Sie sich dann bei mir.«

Dann erwischte es eine Frau.

Sie hieß Terja Bliström, war etwa sechzig Jahre alt und Fremdweltenökologin. Allerdings besaß sie auch auf anderen Gebieten genügend Wissen, um quasi überall mitreden zu können.

Mondra zog Zwischenbilanz und murmelte »4 zu 2. Mist, da muss ich noch was tun, sonst kommt mir die Gleichstellungsbeauftragte der RAS auf den Hals.«

Sie seufzte. »Wir werden uns mit dem Gedanken anfreunden müssen, unsere Uhren sechzig Jahre zurückzudrehen.«

Aber sie wusste Rat. Außerdem brauchte sie noch eine Stellvertreterin mit militärischer Erfahrung. Sie huschte zum übernächsten Deck und klopfte an einer Kabinentür.

Eine schlanke, hochgewachsene Frau öffnete ihr.

Farye Sepheroa-Rhodan strich sich einige dunkelbraune Haarsträhnen aus der Stirn. Unter ihnen kam auf der Schläfe eine fingerdicke Vertiefung hervor, die ungewöhnlich wirkte. »Ich bin Perry Rhodans Enkelin. Meine Großmutter war die tefrodische Vortex-Pilotin Caadil Kulée amy Kertéebal. Ich bin Oberstleutnant im Ersten Raumlandebataillon der RAS TSCHUBAI.«

Rhodans Enkelin griff nach einem Cocktailglas mit schillernd grünem Inhalt. Sie nahm einen Schluck. »Inzwischen bin ich über sechzig Jahre jung, altere aber optisch wie organisch langsamer als andere. Ich liebe die RAS TSCHUBAI und meine Arbeit als Oberstleutnant. Ich weiß, dass ich damit einen wichtigen Beitrag für das Galaktikum leiste.«

Mondra dankte ihr und verabschiedete sich.

Sie dachte nach. Es gab in TLD-Kreisen Gerüchte, dass der Flashback-Mutant in seine digitale Assistentin vernarrt war. Vielleicht war das ein Ansatzpunkt. Sie schnippte mit den Fingern. »Es fehlt noch jemand, der’s mit Computers kann.«

Dirimalanca handelte mit Spielen. Meist virtuell, von zu Hause aus; ab und an jedoch begab sie sich körperlich zu Treffpunkten wie dem Café Annual im östlichen Speckgürtel der Stadt.

Der TLD schlief nicht. Manche besonders rentable Transaktionen vollzog man immer noch am besten physisch, abseits der positronischen Netzwerke.

Derzeit erzielte Dirimalanca hohe Umsätze dank der kürzlich veröffentlichten Wiederauflage von Super-Marius-Karaketta. Um die fünfzig oder sechzig Jahre alte Bierbauchträger, egal ob männlich oder weiblich, rissen ihr die gecrackten Versionen förmlich aus der Hand.

Als es an ihrer Kabinentür klopfte, schob sie die Datenträger, die sie gerade kopiert hatte, hastig unter die Matratze ihrer Koje und öffnete.

Mondra brauchte nicht lange zu fragen. Die Nebenberuf-Crackerin reizte der Kick.

Nachdem sie Dirimalanca im Sack hatte, shanghaite sie noch Rosa Borghan, ehemalige Spezialagentin der Kosmischen Hanse.

»So, jetzt steht’s 4:5.« murmelte Mondra zufrieden. »Fehlt noch ein Mann.« Sie kicherte und dachte. »›Size matters‹ heißt es, aber eine Kleinigkeit tut’s beim Zählappell auch. Und ich weiß auch schon, in welcher Schuhschachtel ich die aufstöbere.«

(Hinweis für das Lektorat: Da Mondra das ja nur gedacht und nicht laut gesagt hat, brauchen wir keine Sexismus- oder Rassismus-Debatte zu befürchten.)

»Wosken, Arno Ullrich Wosken. Transmittertechniker, sechzig Jahre, nicht liiert. Größe exakt 10,9 Zentimeter, Gewicht …«

»Das interessiert den Kommissar nicht«, unterbrach Rosa.

»Bin ich zu leicht oder was?«

Rosa schüttelte so heftig den Kopf, daß die Howalgoniumfäden in ihrem Haar luftig auf ihre Schultern fielen. »Ich bin Rosa Borghan, ehemalige Spezialagentin der Kosmischen Hanse, zuletzt …«

»… auf Camelot tätig«, versetzte Khan.

»Wer sagt das?«

»Gib es ruhig zu. Ich kann immer noch eins und eins zusammenzählen, ohne eine Syntronik bemühen zu müssen.«

»Eins ist auf jeden Fall klar: Siganesen holen wieder einmal für Terraner die Kastanien aus dem Feuer«, fügte Domino Ross hinzu. »So sagt man doch, oder?«

Damit war Mondras Einsatz-Team komplett.

Das System der Verlorenen

Averik-Pasik, der Flashback-Mutant, ging ruhelos in der Zentrale seiner Raumyacht auf und ab. Er musste seine Verfolger abschütteln, irgendwie!

Seine Hoffnung lag darin, daß die Suche der Terraner nach den geheimnisvollen Baolin-Nda und das Erlöschen des Sternlichts in irgendeinem Zusammenhang standen. Gut sechzig Jahre waren bereits vergangen, und er war sich darüber im klaren, daß die Situation mit dem Traal früher oder später erneut eskalieren mußte.

Er stutzte. Was hatte das denn jetzt mit seiner Lage zu tun? Er runzelte seine hohe Stirn. Er wusste es auch nicht.

Er schüttelte unwillig seinen Kahlkopf und befragte Elena, seine digitale Assistentin. »Elena, gibt es irgendwelche Himmelskörper in der Nähe, wo wir uns verstecken könnten?«

»In sechzig Lichtstunden Entfernung steht eine einsame gelbe Sonne.«

»Elena, setze Kurs dorthin!«

*

Der Flashback-Mutant hatte sich in dem einsamen Sonnensystem umgesehen. Zwei Planeten, ein Staubring. Nicht berauschend. Er grübelte noch über sein weiteres Vorgehen, als Elena meldete, dass der Staubring stark mit Hyperkristallen dotiert sei.

Ein wölfisches Grinsen fletschte seine Zähne. Hyperkristalle konnte man immer gut gebrauchen, aber jetzt boten sie ein ideales Versteck, um seine Yacht gegen Ortung zu schützen.

Aber eine doppelte Finte war immer besser. »Elena, schicke ferngesteuert ein Beiboot zum inneren Planeten und sorge dafür, dass die auf der RAS TSCHUBAI das mitkriegen, mach’s aber nicht zu auffällig. Und aktiviere vorher in der Steuerpositronik das Programm ›Hide and Seek‹.« Er grinste über seine List.

Und er hatte noch einen Plan C…

*

Damit Mondra mit ihrem Team die Raumyacht des Flashback-Mutanten entern konnte, muss diese erstmal aufgestöbert werden.

Das auf den inneren Planeten zufliegende und dort verschwundene Objekt war in der RAS TSCHUBAI natürlich geortet worden. Perry Rhodan übernahm mit seinem Einsatzteam die Rolle des Spürhundes und war auf dem inneren Planeten gelandet. Er hatte eine atembare Sauerstoffatmosphäre und zeigte Spuren einer Besiedlung. Sie hatten ihre Space Jet auf einem großen Platz inmitten einer Ansiedlung abgestellt und sahen sich um. Gucky sagte: »In dem Haus da drüben ist ein denkendes Wesen.«

Sie waren noch zwanzig Meter von dem Haus entfernt, als das Portal sich öffnete und ihnen ein bärtiger Mann entgegentrat. Er mochte äußerlich an die sechzig Jahre alt sein, was aber so gut wie nichts besagte. Er winkte zurück, als wolle er verhindern, daß man ihm folgte. Allein und nur mit einer der üblichen Handstrahler im Gürtel bewaffnet, kam er Rhodan und seinen Begleitern entgegen.

Nachdenklich und voller Verwunderung lag sein Blick für längere Sekunden auf Gucky, aber dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Rhodan zu.

»Ein Inspekteur von Arkon«, murmelte er. »Also haben unsere Freunde doch nicht gelogen.«

Ein weiterer Mann war aus dem Gebäude gekommen.

Der Mann war etwa sechzig Jahre alt und unglaublich hager. Das so harmlos erscheinende Gesicht mit den weichen Zügen stand in krassem Gegensatz zu dem eckigen Körper. Lange schwarze Haare fielen ihm tief in die Stirn. In seinen Augen glomm ein Feuer auf, und ein feines Lächeln umspielte die Mundwinkel, als der Alarm durch die tiefgelegenen Anlagen gellte.

Perry Rhodan erschauerte. »Sie sind doch nicht etwa…?«

»Ja«, stieß der Mann grimmig hervor, »ich bin bereits gestorben. Und ich kann Ihnen meinen Todestag nennen. Es war der 4. Januar 2689. Es geschah auf Plophos. In Zentral-City. Wenn Sie die planetare Computerdatei danach fragen, dann wird sie Ihnen antworten, daß dies mein Geburtstag war, aber die Computer begreifen nichts von den wirklichen Dingen, die sich hinter bloßen Äußerlichkeiten verbergen. Als ich geboren wurde, starb ich. Und das ist jetzt sechzig Jahre her.«

*

Rhodan führte seine Truppe weiter über den Planeten, immer auf der vermeintlichen Todesspur des Mutanten. Sie flogen gerade über ein größeres Waldgebiet, als eine Lichtung mit Gebäuden auftauchte. Sie landeten.

Erina Kantar, die Leiterin der Forschungsstation im Dschungel, kam aus einem der neuen Bauten und begrüßte die Ankömmlinge. Sie war etwa sechzig Jahre alt und 1,80 Meter groß, hatte kurze schwarze Haare und braune, fesselnde Augen. Wie fast alle anderen trug sie die khakifarbene Montur. »Ich zeige euch gleich eure Quartiere«, kündigte sie an. Ein ebenfalls dunkelhaariger Mann kam hinzu. Er hieß Daniel Sapphir und war der offizielle Expeditionsleiter.

Wir schienen allerdings zu einem sehr schlechten Zeitpunkt gekommen zu sein.

»Sechzig Jahre sind vergangen …«, erinnerte sich Genhered.

Er redete nicht lange herum. »Ich habe viele Jahre auf Sie warten müssen, Perry. Aber jetzt sind Sie ja da, und die Last wird endlich von meinen Schultern genommen.« Er führte Rhodan zu einem niedrigen Kubus, in dem ein Tunnel mündete. Er hob die Handflächen an die Mundwinkel und rief etwas. Wenig später schoben sich zwei mitleiderregende Gestalten aus der Tunnelöffnung. »Darf ich vorstellen: Tautanbyrk und Viviaree.« Tautanbyrk wandte sich an Rhodan und ergriff seine Hand und das Wort.

Im Baolin-Deltaraum, so Tautanbyrk, hatte sich eine schreckliche Katastrophe ereignet. Er redete davon, daß er und Viviaree vielleicht die beiden letzten Überlebenden ihres Volkes seien. Nur der Tunnel schützte sie vor dem, was den Deltaraum erfüllte – und das, wenn wir sie richtig verstanden, seit rund sechzig Jahren.

Ich war erschüttert. Wie lange hatten wir nach diesem Volk gesucht, das das Arsenal geschaffen und die Pläne für die Heliotischen Bollwerke entwickelt hatte. Nun, endlich, waren wir fündig geworden – aber etwa nur, um die beiden letzten Baolin-Nda aus dem Tunnel zu fischen?

*

Ralgor Berskin hatte sich erst vor wenigen Jahren zur Ruhe gesetzt, nachdem er fast sein ganzes Leben im Weltraum zugebracht hatte. Er war einer jener privaten Prospektoren gewesen, denen die Menschheit soviel zu verdanken hatte. Denn es waren gerade immer die Einzelgänger und Abenteurer gewesen, die auf fremden und unbekannten Planeten die wertvollsten Rohstoffe entdeckten.

Berskin war sechzig Jahre alt, kein Alter für einen Mann wie ihn. Von dem Geld, das er zurückgelegt und gespart hatte, konnte er den Rest seines Lebens verbringen, wie er es sich wünschte. In der Nähe der Küste kaufte er sich ein größeres Grundstück mit Wäldern und Seen, heiratete seine Tefra, die gerade dreißig geworden war, gründete so eine Familie, und lebte das Leben eines Mannes, dem nichts über die persönliche Freiheit und Sorglosigkeit ging.

Und jetzt fiel mit einem infernalischen Heulen dieses Raumboot vom Himmel, klatschte nicht weit vor der Küste ins Meer und verursachte eine Flutwelle, so dass sein geruhsames Angelwochenende beim Teufel war.

*

Collud, der Pirat war zufrieden.

Mit dem neuen Schiff, dessen Schäden schnell behoben wurden, konnte Collud seine Raubzüge weiter ausdehnen, und immer wieder gelang es ihm, eventuellen Verfolgern zu entkommen. Deren Raumer waren auch nicht besser als sein Schiff.

Die Jahre vergingen, und eigentlich hätte sich der Obergauner mit seinen Spießgesellen zur Ruhe setzen können, aber er dachte nicht daran, sondern träumte vom Fischzug seines Lebens. Er war jetzt bald sechzig Jahre alt, und er fühlte sich viel zu jung, um ans Altenteil zu denken. Seinen Männern erging es ähnlich.

Aber erst wollte er mal mit seinem Bruder Shen zu Hause vorbeischauen, wie es der Familie und den Bekannten erging, im Land Kroth auf dem zweiten Planeten der einsamen gelben Sonne.

Nach der Landung wurden Shen er von ihrem väterlichen Freund und Gönner Rex King begrüßt.

»Unsere einzige Hoffnung warst du, Shen. Und nun bist du da.«

»Und ich habe das Schiff mitgebracht, Rex!«

»Ja, das hast du, Shen. Ich bin nun ein alter Mann, aber ich habe einen Sohn, der für mich einspringen wird. Er ist älter als du, Shen, obwohl du ihn noch als kleines Kind kennst. Ihr beide werdet das Werk meines Vaters fortführen. Ihr werdet…«

»Es ist nicht das Werk deines Vaters allein«, unterbrach ihn Shen ruhig. »Aber das kannst du nicht so schnell verstehen. Im Schiff gibt es Tonaufzeichnungen, die alle Rätsel lösen. Und dann, Rex King, wirst du auch wissen, wer Ellert war, die körperlose, unbewußte Macht im Unterbewußtsein deines Vaters, die alles lenkte und herbeiführte. Eine Macht, die in uns allen ist und ohne die wir noch heute hirnlos auf dem Grund des Meeres nach Nahrung wühlten. Ellert hat uns für immer verlassen, und nun sind wir allein. Aber sein Vermächtnis ist dieses Schiff, Rex, das uns zu den Sternen bringen wird.«

»Ich verstehe nicht alles, was du sagst«, bekannte Rex und sah hinauf zu der schimmernden Hülle der EX-756. »Aber vielleicht bin ich noch nicht zu alt, um die letzten Geheimnisse zu erfahren. Ich bin genau einhundertein Jahre alt. Du bist mehr als sechzig Jahre fort gewesen, Shen.«

»Aber ich wurde nicht älter, Rex. Vielleicht ist dieses Beispiel eine Ahnung dessen, wie unsere Zukunft aussieht…«

Langsam verließ er an der Seite von Rex King, dem Ältesten des Wissenschaftsrates, den Raumhafen.

Das kosmische Zeitalter der Spharonen begann.

*

Collud war aus anderem Holz geschnitzt, als sein Bruder Shen. Sollte der der sich von dem Alten weise Ratschläge anhören. Er rief seinen Stellvertreter Brando und seine anderen Spießgesellen zusammen und sie flogen mit einem Beiboot zu der offenbar von einem Tornado verwüsteten Stadt, die sie beim Anflug auf den Raumhafen ausgemacht hatten. Dort fingen sie im Zentrum an, die mehr oder weniger zerstörten Gebäude zu durchsuchen.

Die Plünderer kamen die Treppe herauf. Zuerst sprang Tone in den Raum, wirbelte nach rechts herum und erstarrte, als er die regungslose Gestalt im Lichtkreis entdeckte. Der Mann, schätzungsweise sechzig Jahre alt und anscheinend etwas verwachsen, hielt die rechte Hand auf die Brust zur Faust geballt.

»Tot?« erkundigte sich Bando in einem Tonfall, der Halmarck abschreckte.

»Sieh selber nach«, schlug Ody vor und ging langsam um den Fremden herum. Er wirkte absolut nicht so, als ob er ein Mitglied der Patrouille wäre. Leise kam Arcarea in den Raum und stellte sich dicht neben den Überlebensspezialisten.

»Bewußtlos«, sagte Bando plötzlich und richtete sich halb auf. »Er ist vermutlich ohnmächtig. Aber …«

In diesem Raum gab es nichts, das die Plünderer brauchen konnten. Aber Tone Bando zog und zerrte an dem Unterarm des Bewußtlosen. Der Mann stöhnte nicht einmal. Dann kam der Arm mit einem Ruck frei.

Zwischen den Fingern hingen die kleinen Glieder einer Kette, die wie Gold im Licht funkelte.

»Was hält er da?« flüsterte Dee verblüfft.

»Sieht wie eine Kette aus«, murmelte Bogna. Aber in diesem Moment brach Bando die verkrampften Finger auseinander. Ein eiförmiger Gegenstand strahlte in den Strahlenbündeln von mehreren Scheinwerfern auf.

*

Das kosmische Zeitalter begann und es endete, wie alles im Universum. Die Jugend verließ das Dorf, angezogen vom tückischen Glitzern des Weltraums und wurde nicht wieder erblickt. Die Zuhausegebliebenen fristeten ihr Leben wie eh und je.

Gelegentlich erzählten die Bewohner der Siedlung vorbeikommenden Fremden vom Besuch des Raumschiffs. Aber irgendwie war dieses Ereignis zu phantastisch, um sich lange in der Vorstellungswelt der Eingeborenen halten zu körnen.

Sechzig Jahre später verließ der letzte Bewohner die Siedlung im Land Kroth. Nur ein paar hundert Meter hinter den Überresten des Brunnens wurde er von einem plötzlich aufkommenden Sandsturm überrascht und erstickte. Der Wind zerrte an den verlassenen Häusern. Sie fielen allmählich in sich zusammen. Sand bedeckte die Trümmer.

Zweihundert Jahre später gab es keine Spuren mehr von dieser Siedlung.

Ab und zu kam ein Wagen über die Straße der Elenden, doch die Fahrer kannten die Gefahren des Landes Kroth und trieben ihre Tiere an. Niemals hielt ein Fahrzeug.

Bald geriet die Siedlung in Vergessenheit.

*

Und das System der einsamen gelben Sonne mit ihr.

Der große Knall

Der Flashback-Mutant rieb sich grinsend seine vier Hände. Er hatte die Verfolger mit dem robotgesteuerten Beiboot, das auf dem inneren Planeten Hasch-mich mit ihnen spielte, von seiner Spur abgebracht.

Sein Versteck im Staubring war durch die Schwingquarze, die einen großen Teil des Staubes ausmachten, gut gegen Ortung geschützt.

Jetzt war es Zeit, zurückzuschlagen und die RAS TSCHUBAI zu schrotten.

Er ließ Elena Funkkontakt zum Steuerhirn des Staubsaugers herstellen.

»Die Putzaktion ›Wanderer‹ wird vorläufig abgebrochen. Begib dich auf dem schnellsten Weg hierher und sauge die RAS TSCHUBAI ab.«

*

Siebenton durchlebte dunkle und verzweifelte Stunden, doch er hörte nicht auf, an ein Wunder zu glauben. Und als bereits über sechzig Jahre seit dem Erlöschen des Lichts vergangen waren, da schien es so, als seien seine Gebete erhört worden.

*

Der Weltraum schien aufzureißen. Das gewaltige Gebilde des Kosmischen Staubsaugers materialisierte in einer spektakulären Lichterscheinung. Das Steuerhirn orientierte sich und hatte bald das Trägerschiff der LFG ausgemacht, das sich wohlweislich außerhalb der Reichweite des Flashback-Mutanten aufhielt. Der Staubsauger beschleunigte und nahm direkten Kurs auf die RAS, um sie zu verschlingen.

Pech war nur, dass der direkte Kurs durch den Staubring führte. Da der Mutant vergessen, hatte, dem Steuerhirn einen Überrang-Befehl zu erteilen, übernahm die Staubsauger-Steuerung wieder die Kontrolle, sobald sie Staub bemerkte.

Der Staubsauger fuhr wie auf Schienen die Bahn des Staubrings entlang, saugte alles ein, was sich dort befand, und natürlich auch die schnittige Luxus-Yacht des Flashback-Mutanten samt Inhalt.

Der gewaltige Konverter des Staubsaugers zerstrahlte unermüdlich den eingefangen Staub, kondensierte ihn wieder und spuckte ihn am hinteren Ende als tote Brocken aus.

Die Arbeit leisteten dabei Nanomaschinen aus Rotaxan-Molekülen, einem Ring auf einer zentralen Achse, der nur durch ein Gatter am Drehen gehindert wurde. Das Rotaxan absorbierte die Photonen, die bei der Zerstrahlung entstanden und lieferten Energie an das Gatter, das vorübergehend seine Form änderte, so dass der Ring hindurchpasste. Wie ein Sperrbügel oder eine Ratsche lief der Ring nur in eine Richtung, die Rückrichtung war blockiert: Ein Maxwellscher Dämon, der Teilchen abfing, die sich in Richtung der Kondensationskammer bewegten. Natürlich verbrauchte das System dafür Energie, das es sich aus den Schwarzschild-Reaktoren nahm. So weit, so gut.

Bei der Zerstrahlung wurden aus dem Staub jedoch die darin eingelagerten Hyperkristalle abgeschieden und lagerten sich im Inneren des Staubsaugers an, vornehmlich an den dafür affinen Projektoren für die Schutzschirme, den Überlicht-Antrieb und anderen hyperenergetisch aufgeladenen Aggregaten.

Als die Aufladung ihren Sättigungspunkt erreicht hatte, gaben die Projektoren sie schlagartig frei. Die Energie, die normalerweise zu einer gezielten Transition oder dem Aufspannen eines Schutzschirmes genutzt wurde, strömte nun zurück in die Reaktionskammern für den Sternenstaub, die sie gierig aufnahmen und versuchten, sie wieder zu kondensieren. Das schafften die Nano-Dämonen aber nicht mehr, und die Entropie nahm ihren Lauf.

In einem gewaltigen Schlag, mit dem die Physik den Energieausgleich vornahm, kollabierte der Staubsauger, die begleitenden Sonnen wurden in das Inferno hineingerissen, brachen zusammen und gaben ihre Energie schlagartig als Schwarze Löcher frei und rissen damit das gesamte Objekt hinter das Raum-Zeit-Kontinuum.

Raumbeben durchrasten das umgebende All und verebbten erst nach Tagen.

Dann waren der Flashback-Mutant und der Kosmische Staubsauger Geschichte.

What the Future brings

Nach dem großen Knall, der den Abgang des Flashback-Mutanten in das Kryptoversum begleitet hatte, versuchten die Menschen mühsam, wieder zu einem normalen Leben zurückzufinden.

Bei einigen, die sich in den Randbereichen des Einflusses der Flashback-Strahlung aufgehalten hatten, waren einige Erinnerungen anscheinend etwas durcheinander geraten. Perry zum Beispiel grübelte, mit welcher Frau er jetzt eigentlich liiert war. Er war da etwas genierlicher als sein Freund Bully, der es eher nahm, wie es bzw. sie kam. Der überlegte höchstens, ob ihm Gholdorodyn nicht privat so eine Art Multi-Room-Stasis-Kabinett z. b. V. bauen könnte …

Rous, Lloyd und die Psychologin Rosita, die entscheidend zum Erfolg beigetragen hatten, konnten zum erstenmal in den letzten Wochen etwas verschnaufen.

»Werden wir das Rätsel jemals lösen können?« fragte Rosita mutlos.

Sie hatten die Tagesarbeit beendet, aus mirsalesischen Konserven ein kleines Abendessen bereitet und saßen an dem großen Fenster, das von Rous Zimmer nach Süden hinausging.

Die Polizei hatte mittlerweile eines der Kraftwerke wieder in Gang gebracht. Es gab Licht; man sah es an der matten Helligkeit, die über den südwestlichen Vorstädten lag.

Trotzdem saßen Rous, Lloyd und die Psychologin im Dunkeln. Jeder hing seinen Gedanken nach.

»Natürlich werden wir«, antwortete Rous zuversichtlich.

»Was gibt Ihnen diese Zuversicht?«

»Die Tatsache, daß ich Terraner bin«, antwortete Rous einfach. »Seit sechzig Jahren haben wir es mit einer Menge Rätsel zu tun gehabt, und keines davon ist ungelöst geblieben.«

Rosita seufzte.

»Ich wollte, ich wäre auch so optimistisch.«

ENDE

Epilog

Für diese Text-Collage wurden Zitate aus folgenden Perry Rhodan-Romanen und Perry Rhodan-Taschenbüchern verwendet:

 

PR 32, 52, 59, 76, 129, 358, 430, 481, 546, 638, 833, 1080, 1085, 1165, 1279, 1437, 1454, 1464, 1536, 1547, 1552, 1886, 1887, 1892, 1894, 1899, 1946, 2105, 2232, 2299, 2389, 2500, 2638, 2702, 2710, 2721, 2800, 2939, 2942

PRTB 51, 64, 94, 112, 246, 342, 384, 413

 

Die Zitate sind in Normalschrift, die verbindenden Texte in Kursivschrift gesetzt.

 

Cover: Montage aus

Mark Rain: Mutant

https://www.flickr.com/photos/azrainman/3083725397

und

Alexander Bezrukov, V.: A Flashback game wallpaper (1024×768)

https://www.flickr.com/photos/53127821@N02/4905765442

(Creative Commons Lizenzen)

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